Es geht nicht nur ein Jahr zu Ende, sondern auch eine Dekade - die so genannten "0"er Jahre. Um der Wahrheit ins Auge zu blicken, liebe Leser, es werden auch unsere letzten "0"er Jahre sein, die wir erleben werden, es sei denn, wir werden irgendwann wieder aufgetaut.
Gut, dass ich jetzt weiß, wie man das Jahrzehnt nennt, das so schnell an einem vorbei geflogen ist. Vielleicht ist es auch so schnell vorbei gegangen, weil eben so viel passiert ist. Wir sind Papst, Bundeskanzlerin und Fußball WeltmeisterIN (in Ausnahmesituationen akzeptiert der deutsche Mann auch Frauenfußball). Das Jahrzehnt begann mit der Angst vor dem Supergau weltweiter Computerausfälle und endet mit totaler Vernetzung - social networking nennt man das. Wir googeln unsere Kollegen und uns selbst, aber wir kennen unsere Nachbarn nicht. Die Welt scheint durch Facebook klein geworden zu sein. Wir verbringen Stunden mit dem Austausch mit unseren Freunden aus Übersee, ohne ein Wort zu wechseln. Wir skypen und twittern.
Einfache Ohrlöcher stechen heißt jetzt Piercing. Ganz Hohenschönhausen hat ein Arschgeweih, aber keiner will es gewesen sein. Wir haben so viel Alkopops getrunken, bis sie verboten wurden. Der Umwelt zu liebe frieren wir jetzt vor dem Club. Wegen des Heizpilz- und Rauchverbots sterben die Raucher zuerst.
Wir kriegen keine Sozialhilfe mehr, sondern Hartz4. Das Arbeitsamt heißt jetzt Agentur für Arbeit und das Sozialamt Jobcenter.
Wir retten die Umwelt mit dem Katalysator und sind damit sehr einsam in der großen weiten Welt. Bald stellen wir um auf Wasserstoff. Beim Klimagipfel machen die größten Umweltsünder nicht mit und tun so als wären sie schmollende Kinder im Sandkasten.
Aus der D'Mark wird der Euro. Das Geld wird bunt und man rechnet Jahre später immer noch um. Der Preis für Schuhe steigt ins Unverschämte. Benzin wird teuer, weil Bush alles aufkauft.
Wir gehen nicht mehr in Talkshows, sondern nutzen unseren Blog als unsere Bühne. Wir haben den Drang, etwas in der Welt zu hinterlassen und sind gleichzeitig so unpolitisch, dass es für einen Meilenstein nicht mehr reicht. Trotz totaler Informationsmöglichkeiten, nutzt sie kaum einer. Wir bleiben lieber dumm und werden Superstar bei Dieter Bohlen - oder eben Hartz4.
Wir tragen wieder Leggins, Schulterpolster und Heinz-Erhardt-Kassengestellbrillen. Wir sehen aus wie unsere Eltern, aber demonstrieren statt für Atomkraft-Nein-Danke gegen die Mediaspree. Nach 20 Jahren Einheit sind wir keine Einheit mehr, sondern Randgruppen: Punks, HipHoper, Techno-Fans, Yuppies, etc.
Wir haben eine Wirtschaftskrise, die Banken und Automobilherrsteller mit einer Finanzspritze belohnt. Herr Mehdorn verbockt es und kriegt eine Megaabfindung. Die Manager von heute, zeigen uns, dass man nicht viel leisten und schon gar keinen guten Job machen muss, um finanziell abgesichert zu sein. Die Rente ist nicht mehr sicher, da kann Herr Riester auch nichts gegen machen.
Wir hören nur noch Black Musik und imitieren New Yorker Straßengangs, trotzdem wirkt Nord- und Ostsee lächerlich zu West- und East Coast. Das Märkische Viertel ist nicht die Bronx. In Friedrichshain zünden wir lieber Autos an und gehen im Prenzlauer Berg Schwäbisch Essen.
Wir tippen SMS in sekundenschnelle, können aber keine Briefe mehr handschriftlich schreiben, weil es keine Rechtschreibprüfung gibt und uns nach 3 Minuten die Hand weh tut. Wir schlagen bei Wikipedia nach, wenn wir etwas nicht wissen, statt Meyers Lexikon zu benutzen.
Wir dachten nach dem Millennium wird alles anders, so dass wir für die nächste Dekade kaum Spekulationen wagen. Wir wünschen dem Kapitalismus den Tod, aber haben keine Ahnung was anstelle von kommen sollte. Wir lassen uns überraschen und entscheiden per Zuschauer Vote.
Auf-ins-nächste-Jahrzehnt-Grüße
Paulinchen












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