Kleine Abenteuer gönne ich mir gleich. Jetzt, wo Bahnfahrten in aller Munde sind, möchte ich auch etwas erleben. Ich buche Berlin-Hamburg mit dem ICE für Mittwoch. Als ich den Bahnhof betrete, kommen mir die Bilder der Fernsehreporter in den Kopf. Jeder der befragten Fahrgäste auf dem Berliner Hauptbahnhof verrät uns seinen Survival-Tipp: Wasser fassen! Vielen Reisenden reicht eine Flasche nicht, zwei sind in jedem Fall besser. Am Ende habe ich den Eindruck, dass die TV-Reporter als Vertreter der Mineralwasserlobby unterwegs sind; so prägnant haben sie die Straßeninterviews zusammen geschnitten und auf diese eine Aussage hin reduziert.
Als ich im Bahnhof die erste Wasserstelle ansteuere, um mir meine Flaschen für die Bahnfahrt zu sichern, stutze ich über den Preis. Für einen halben Liter verlangen die Verkäufer 2,20 € und dazu 25 Cent Pfand. Angebot und Nachfrage regeln den Preis, erinnere ich mich. Die PR-Kampagne der Journalisten zeigt Wirkung. Ich widerstehe und stelle die Flaschen zurück ins nagelneue Kühlregal der Firma Coca Cola.
Im Hauptbahnhof finde ich im Untergeschoss einen Supermarkt. Hier sind die Preise normal. Die Schlangen vor den Kassen sind ungewöhnlich lang an einem Mittwochvormittag. Die Rollbänder schieben hauptsächlich Getränkeflaschen zu den Kassiererinnen. Auch hier deckt sich der Reisende mit Flüssigem ein, weil er Dehydrierung befürchtet. Die Angst vor dem Notfall hat nicht nur mich erwischt.
Mit anderthalb Litern „Classic sprudelfrisch“ betrete ich Gleis 8. Der ICE 796 rollt pünktlich ein. Freie Sitzplätze gibt es reichlich. Die Türen schließen mit dem typischen lauten Knall. Wir sind luftdicht eingeschlossen. Das Abenteuer kann beginnen. Und schon begrüßt mich aus dem Lautsprecher die Stimme des train managers: „… leider ist die Klimaanlage im Wagen 6 ausgefallen. Fahrgäste mit reservierten Plätzen können in die Wagen 3 und 4 ausweichen. Dort gibt es ausreichend freie Plätze.“ Ich habe meinen Platz im Wagen 1 gefunden. Die Temperatur ist angenehm. Ich fahre mit der Hand über die Kühlrippen unter dem Fenster. Ja, da strömt tatsächlich ein leichter Hauch kühler Luft. Da mein Platz auf der zur Sonne gewandten Seite liegt, ziehe ich die Jalousie runter. Auf den Klapptisch vor mir stelle ich die Wasserflasche.
Mit kühlem Kopf bin ich motiviert, sofort mein so genanntes Abenteuer aufzuschreiben. Meine vermeintliche Angst vorm Verdursten weicht endgültig, als ich auf dem Gang zur Toilette vier Boxen mit 24x0,5 l Getränkekartons „Christinen Carat“ entdecke. Die Vorsorge des Bahn-Managements verspricht aufgedruckt „Gesunde Erfrischung“. Ich bin beruhigt.
Als ich in Hamburg pünktlich ankomme, bin ich ein wenig enttäuscht. Das war doch kein richtiges Abenteuer. Alles normal, mit diesem Text und den Fotos werde ich keine Schlagzeilen machen. Heute also kein Bahn-Bashing. Die mediale Schelte über Bahnchef Grube zeigt offenbar Wirkung. Die Mitarbeiter versuchen eine Charmeoffensive und wollen plötzlich besser informieren. Während in der Zeit „vor Bielefeld“ Unangenehmes meistens verschwiegen wurde, heißt die neue Parole offenbar Transparenz, Aufklärung, Information, den Fahrgast nicht weiter für dumm verkaufen. Der Bahnvorstand hat erkannt, dass höfliches, unverbindliches Lächeln der Mitarbeiter keinen Service ersetzt.
Auf die Rückreise nach Berlin bin ich gespannt.
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