In einem Magazin für Neuankömmlinge betont der Regierende Bürgermeister von Berlin Wowereit die Vielfalt Berlins. Erwähnt werden die Galerien und Museen, die Konzertsäle, Theater und Opern und die Kneipenlandschaft. Themen sind die Weltoffenheit und die stetig florierende Wirtschaft. Und für ein Grußwort ist das alles sicher okay beziehungsweise an all diesen Dingen ist ja auch etwas dran.
Was Berlin aber auch ist, zeigt sich mir eigentlich jeden Tag, auf meinen Weg von hier nach da. Arbeitsbedingt durchquere ich täglich vier Stadtteile. Ich bin sehr früh am Morgen unterwegs, dann wieder am Mittag und schließlich am Abend. Ich fahre mit dem Fahrrad immer andere Wege, weil ich mich schnell langweile. Und dabei stelle ich mir oft die Frage, wo in Berlin die Grenzen liegen in Bezug auf den Raum oder den Bereich im Leben, in dem Menschen in der Großstadt sich selbst ausgeliefert sind:
Ein Mann liegt mitten auf dem Bürgersteig, und die Leute hetzen über ihn hinweg, weil sie sich nichts dabei denken - schließlich sind wir in Berlin, noch dazu im Wedding.
Zur Mittagszeit in Mitte: Ein überhaupt nicht heruntergekommen aussehender Mittvierziger mit Vollbart läuft auf dem Mittelstreifen und spricht vollkommen verwirrt mit sich selbst. Er könnte gleich überfahren werden, aber man ist diesen Anblick gewohnt und kümmert sich nicht weiter darum. Ein paar Touristen bleiben stehen und sehen erst den Mann an und dann die Passanten, die dem offenbar Verwirrten keine Aufmerksamkeit schenken. Ich höre, wie ein offenbar aus dem Hessischen kommender Tourist sagt: "Scheint normal zu sein hier."
Am Abend fahre ich nach Hause und nehme mir vor, nur das Schöne zu sehen. Ich gehe auf der Schönhauser Allee noch in einen bis 24 Uhr geöffneten Supermarkt, und schon weit vor der Kasse ist zu hören, dass es Streit gibt. Ein Mann mit langen schlecht blondierten Haaren, etwa zwischen sechzig und siebzig Jahre alt, hat eine Menge von Dingen, darunter Haarspray, Hundedrops und Frühstücksmüsli, auf das Magnetband gelegt und kann jetzt nicht zahlen. Er schreit, dass wir alle keinen Respekt vor Jesus haben, er sei Jesus und eigentlich wollte er das niemandem erzählen, aber jetzt bleibe ihm nichts übrig, er könne sich nicht vorstellen, dass man Jesus einen Einkauf verwehre, denn auch Jesus müsse essen und trinken. Ein paar Jungs in der Schlange halten sich die Bäuche vor lachen und dutzen den Blonden: "Hey Kumpel, jetzt verpiss dich mal." Der Blonde fängt an zu weinen und wird vom Sicherheitsmann in Gewahrsam genommen.
Ich fahre nach Haus und mache keinen Zwischenhalt mehr. Es ist ja nicht so, dass ununterbrochen solche Dinge in Berlin passieren. Aber wenn man in der anonymen Öffentlichkeit unterwegs ist, dann sind solche Ereignisse immer möglich, und wirklich interessieren tut das gerade in dieser Stadt niemanden mehr, weil es kaum ein Bild gibt, weder ein schönes noch ein trauriges noch ein armseliges, das man nicht kennt. Wir sind alles gewohnt, nichts kann uns mehr schocken.
In der Nacht verabrede ich mich noch mit einem Freund in einer Kneipe. Irgendwann gegen 1 machen wir uns auf den Heimweg in Neukölln. Auf einer Brücke zieht ein relativ junger Mann gerade seine Sachen aus und hängt sie über das Brückengeländer. Dann reibt er an seinem Oberkörper herum und ruft uns zu: "Hey, entschuldigt bitte, Entschuldigung: Könnt ihr mir sagen, wie viel Uhr es ist?" Mein Freund nimmt den Mann ernst und holt sein Handy heraus.
"Zwanzig vor zwei." Der Mann fragt: "Wie lange schon?" Mein Freund antwortet: "Seit wir uns kennen."












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