Berlin muss sich nach dem S-Bahn-Desaster auf die nächste Katastrophe in Sachen öffentlicher Nahverkehr gefasst machen: Die BVG ist wohl gezwungen, den Großteil ihrer Fahrzeugflotte in die Werkstatt schicken. Grund: akute Gesundheitsgefährdung durch die angebrachte Schutzfolien an den Scheiben.
Was als Abwehrmaßnahme gegen Graffiti-Scheiben-Kratzer gestartet wurde, entpuppt sich nach Monaten des flächendeckenden Einsatzes als Gesundheitsrisiko erster Güte. Die Brandenburger Tore auf den Schutzfolien sind mit gravierenden perspektivischen Fehlern behaftet (siehe Foto). Wer als Fahrgast diese Fehler einmal bemerkt hat, kann den Blick davon nicht mehr abwenden. "Optische Fixierung" nennt das der Fachmann.
Die zweite Säule von rechts ist perspektiv-widrig im Fußbereich mit einem Fluchtpunkt gezeichnet, der in keiner Weise zu den übrigen fünf Säulen passt. Dieser optische Widerspruch, einmal bemerkt, verursacht bei manchen Fahrgästen Übelkeit. Das ist vergleichbar mit der Übelkeit, die beim Lesen im fahrenden Auto entsteht, wenn die optischen Reize (nicht bewegender Innenraum) mit der Wahrnehmnung der Gleichgewichtsorgane (Um-die-Ecke-Fahren) im Widerspruch steht.
Andere Fahrgäste jedoch scheinen gegen diese akute Reaktion immun zu sein und müssen lediglich mit ihrer optischen Fixierung kämpfen: sie starren ausdruckslos die gegenüber liegenden Fenster an.
Neueste Untersuchungen bestätigen jedoch den schmlimmen Verdacht, dass diese Reisenden neben der optischen Fixierung auch gravierende Spätfolgen fürchten müssen. Die optische Quälerei mit dieser typisch Berliner Perspektivlosigkeit kann Krebs verurschen: Augenkrebs!
Die BVG-Werkstätten sind in Alarmbereitschaft versetzt. Das Management hat eine Urlaubssprerre verhängt. Die Eisenbahn-Aufsicht ist außer sich. Als Ad-hoc-Maßnahme wurde in Kooperation mit den Obdachlosen-Magazinen die Zahl der Zeitungsverkäufer ("Entschuldigen Sie die Störung ....") in der U-Bahn drastisch erhöht.
Ablenkung durch Motz- und Straßenfeger-Verkäufer scheint nämlich ein Weg zu sein, die Fixierung auf die Perspektiv-Fehler zu brechen und so ein wenig Zeit zu gewinnen, die Rückrufaktion für die Waggons zu organisieren.
Die scheidende Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hat die BVG in einer ersten Reaktion aufgefordert, allen Besitzern von Monatskarten bis zur Beseitigung des Gefahrenherdes einen Dienstwagen zur Verfügung zu stellen. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit sieht in dem Unglück hingegen auch eine Chance. Er will das Berliner Know-How im Kampf gegen Augenkrebs anderen Metropolen anbieten, wenn diese versprechen, mehr Touristen nach Berlin zu entsenden - natürlich erst, wenn die Gefahr beseitigt ist.













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