Es ist etwa drei Uhr in der Nacht, und eigentlich muss ich dringend nach Haus. Aber P. sagt, er müsse mir diesen Ort von Berlin unbedingt zeigen, weil ich kein Gefühl für diese Stadt bekomme, wenn ich ihn nicht gesehen habe. Und weil ich P. gut kenne und weiß, dass er nicht ohne Grund so bedeutungsvoll wird, besiegt die Neugier meine Müdigkeit, und wir nehmen die U1. Es geht in Richtung Schöneberg, genauer gesagt in die Kurfürstenstraße.
"Der sieht nur so gefährlich aus, keine Angst", sagt P., als wir in einer kleinen Schlange stehen. Der Türsteher trägt ein schwarzes T-Shirt, auf das auf Brusthöhe glitzernde Pailetten gestickt sind, und er ist ungefähr so breit wie die Tür.
Plötzlich stehen wir drinnen und alles ist bunt und glitzert und aus den Boxen kommt was aus den Achtzigern. Ich hasse ja alles, was aus den Achtzigern kommt, aber ich zwinge mich dazu, mich davon gerade nicht stören zu lassen, und das ist auch nicht schwer, denn:
Da vorne, direkt an den Toiletteneingängen, sitzt ein Mann so um die siebzig. In der einen Hand klemmt eine Bierflasche, die andere liegt unterm Tisch auf seinem Bein. Er trägt ein Pink-Panther-Sweater und, als wäre es nicht heiß genug, noch eine grüne Adidas-Jacke darüber. Sein Gesicht ist irgendwie schön, man ahnt, wie er früher mal ausgesehen hat. Die Haut ist sonnengebräunt, obwohl er, wie P. erzählt, immer hier und niemals draußen ist. "Ich glaube, der ist hier geboren", sagt P. und erklärt, alle würden ihn Edi nennen. "In ungefähr zwei Stunden wird Edis Kopf auf dem Tisch liegen und er wird schnarchen, aber das wird niemand hören, weil die Musik so laut ist."
Dann zeigt P. zur Scheibe. "Und da, siehst du? Da sitzt Sabrina." P. nickt mit dem Kopf in Sabrinas Richtung, was bedeuten soll, dass wir jetzt zu ihr gehen. Es stellt sich heraus, dass Sabrina eine der berühmtesten Transen in Berlin ist, und sie schlägt P. auf die Schulter und wuschelt ihm durch die Haare, während die Münchner Freiheit aus den Boxen dringt.
P. und Sabrina, deren Ausschnitt so tief ist, dass eigentlich alle Männer ihren Blick unentwegt woanders hinzwingen müssen, unterhalten sich, und weil "Ohne dich schlaf ich heut Nacht nicht ein" immer lauter wird, kann ich nichts verstehen und vertreibe mir inzwischen die Zeit mit dem Beobachten der Meute.
Ein Mann mit Sternmusterlochhemd und silbernem Anzug steht in der Mitte und wippt zum Lied, dessen Text er nicht versteht, weil er Italiener ist. Das erfahre ich aber erst später. Er sieht mich ständig an und plötzlich kommt er und zerrt mich auf die Tanzfläche.
P. merkt das nicht, er spricht weiter mit Sabrina. Alles flackert, plötzlich kommen die Red Hot Chili Peppers und ich kann nicht glauben, was ich da mache. Alles glitzert und blinkt und ist bunt und ich habe viel zu viel und viel zu schnell getrunken.
Ich sehe eigentlich zwei P.s und zwei Sabrinas da am Fenster sitzen und vor mir steht der Italiener, der mir die Haare öffnet und "Bellissima" sagt, und auf einmal hab ich eine Zunge im Mund. Ich renne zu P., verabschiede mich schnell von Sabrina und zwei Sekunden später stehen wir wieder auf der Straße.
Draußen ist es schon hell. Fünf oder sechs Uhr.
P. sagt: "Schade - noch ein paar Minuten und du hättest gesehen, wie Sabrina ihre Brüste auspackt und in der Luft herumjongliert - das ist hier immer der Höhepunkt!"
Wir halten uns die Bäuche vor Lachen und werden davon ganz müde. Ich frage: "P., wie lange gibt es das eigentlich schon?", und P. sagt: "Das Kumpelnest? - Ich glaube, das gabs schon, bevors Berlin gab."
U-Bahn-Luft. Der Blick nach oben. Die nächste U1 Richtung Schlesisches Tor kommt in drei Minuten.












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