"Wie sind Sie denn auf mich gekommen?", fragt der Mann mit den riesigen dunklen Augen. Die sind das Auffälligste an ihm. Er sitzt mir in einem weißen Poloshirt gegenüber. Zwischen uns ist ein schwerer Holztisch, auf dem eine dieser grünen Lampen steht, eine dieser grünen Leselampen, die man vor allem aus den riesigen amerikanischen Universitäten kennt. "Suchmaschine", sage ich, und er lächelt und nickt.
Die Vorgeschichte: Ich bin auf Facebook. So wie alle. Fast alle. Man weiß langsam schon nicht mehr, ob es jetzt cool ist, auf Facebook zu sein, aber über Facebook zu schimpfen oder ob es cool ist, auf Facebook zu sein und auch zu sagen, dass es cool ist, auf Facebook zu sein oder ob es cool ist, nicht auf Facebook zu sein oder ob es cool ist, woanders zu sein und wenn, dann wo...
Das alles sind so Fragen, die mich verrückt machen, immer noch, aber bald nicht mehr, denn gegen dieses Verrücktwerden ist Herr Sonnenberg in dem weißen Poloshirt schließlich da.
Dr. Sonnenbergs Praxis liegt im vierten Stock in der Mommsenstraße, in einer Wohnung, die es wirklich nur in Charlottenburg geben kann. Ehrwürdiges Treppenhaus, riesige Räume, Stuck an der Decke und ein Blick auf eine prächtige Baumkrone.
Ich habe den Doktor gesucht, als es wirklich nicht mehr ging. Und es ging nicht mehr aus vielen Gründen. Es begann an meinem letzten Geburtstag, der erste mit Facebook. Ich hatte mich wie verrückt auf diesen Tag gefreut, auf all die Glückwünsche auf meiner Seite. Ich hatte mir vorgenommen, zur Mittagszeit zum ersten Mal nachzusehen. Mit mir selbst schloss ich eine Wette ab über die Anzahl der Gratulanten, und ich schätzte irgendwas im dreistelligen Bereich und konnte nicht fassen, was passierte. Dass nämlich all meine fünfhundert Facebookfreunde meinen Geburtstag vergaßen, und zwar nicht nur bis zur Mittagszeit, sondern auch in den Abend und in die Nacht hinein. Sie vergaßen mich einfach, und ich hatte extra keine Party organisiert, weil ich mich dermaßen auf die elektronischen Glückwünsche und Liebesbekundungen gefreut und auch verlassen hatte.
Nun wäre ich darüber hinweggekommen, wenn ich danach nicht in einer freien Minute mal ein paar Menschen aus dem Filmbusiness angefragt hätte, ob sie meine Freunde werden möchten. Ich konnte mich nach den Freundschaftsanfragen auf nichts mehr konzentrieren, sah sekündlich nach und je mehr Zeit verging, ohne dass irgendwer meine Anfrage bestätigt hätte, desto depressiver wurde ich und desto weniger hielt mich noch irgendetwas im Hier und Jetzt und desto mehr dachte ich über Tabletten und Strick und Bahnschienen nach.
Das Fass zum Überlaufen brachte schließlich meine auf Facebook neu erstellte Themenseite, die ich überall anpries, auch an realen Orten. Ich erzählte jedem davon, dass es wichtig für mich sei, wenn die "geliked" wird, meine eigene Seite. ich begann sogar damit, mein hart verdientes Geld zu benutzen, um Like-Klicks von Freunden zu kaufen. Das klappte auch, aber nicht in den Dimensionen, die ich mir vorstellte. Also entpuppte sich auch das als Quelle für weitere Depressionen, die mich darüber nachdenken ließen, dieser ganzen Quälerei endlich ein Ende zu setzen.
In meiner Verzweiflung googelte ich. Es musste doch jemanden geben, gerade in der heutigen facebooküberzogenen Zeit, der sich mit meinen Symptomen auskannte und der mich verstand. Jemanden, der speziell als Seelentröster im Fall von Facebook-Nichtaddung ausgebildet worden war und mir Tipps geben, mich vielleicht sogar zur Löschung des Accounts bewegen konnte.
Und so sitze ich nun vor Dr. Sonnenberg, einem Mann mit sehr großen dunklen verständnisvollen Augen. Der erste Facebook-Psychologe Deutschlands, vielleicht sogar der ganzen Welt. Er sagt, ich solle es mir bequem machen. Es folge eine Einstellung, die über den Zeitraum und die Intensität meiner Behandlung entscheiden werde.
Ich soll erzählen, wie viele Freunde ich habe, da kommen mir bereits die Tränen. Ich fürchte, das wird eine langwierige Geschichte, aber ich fühle mich gut aufgehoben bei Dr. Sonnenberg in der Mommsenstraße.
Der hat das gelernt, das merkt man sofort. Vielleicht wird er sogar ein echter Freund.












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