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FIXPOETRY - Ein Interview mit Julietta Fix
© Julietta Fix

FIXPOETRY - Ein Interview mit Julietta Fix

Fixpoetry Es wird ja viel geschrieben, über den Untergang der Zeitung, den Tod der Papierpublikation, die Apokalypse des Literaturbetriebs - Selbstauflösung dank Vitamin B-Tablette. Kleine Verlage, die über mehr vermeintliche Freiheit verfügen, geißeln sich selbst durch die Abhängigkeit von Verkaufszahlen, das Internet als große Konkurrenz tritt auf den Plan. Es ist: freier, unsortierter, und - wie der Erfolg von Blogliteratur zeigt - findet dann letztlich doch in seine Buchform zurück. FIXPOETRY, das ist ein aufstrebendes Literaturportal aus Hamburg, Veröffentlicher von Lyrik, Prosa, von Rezensionen und Illustrationen. Seit 2008 kümmert sich Gründerin Julietta Fix auf ihrer Seite um Neuentdeckungen und Arrivierte in schönem Gleichgewicht, und bietet all denen eine Plattform, die sie für spannend befindet, ohne sich dabei um Absatz kümmern zu müssen. Ein kurzes Mailinterview.

 

Was ist Fixpoetry?
FIXPOETRY.com ist ein online Format für Literatur, mit Schwerpunkt Lyrik und Kunst.
Wir sind seit November 2008 am Netz und jetzt gerade drei Jahre alt geworden. Unser Format präsentiert zurzeit 210 Autoren, die ihre Texte in kleinen, blätterbaren Büchern zeigen. Wöchentlich erscheint der Poetryletter, so nennen wir die Wort- Bildkompositionen, in denen wir ein Gedicht in den Kontext mit einem Foto, einer Illustration, einem Gemälde oder einer Collage bringen. Wir versenden den Letter im Zuge unserer Wochenpost jeden Dienstag an über 5000 Abonnenten.

Ebenfalls wöchentlich erscheint unser Feuilleton, das in die Rubriken Rezensionen,  Essays/Interviews und FIXative unterteilt ist. Wir rezensieren aktuelle Prosa – und Lyrik-Bände, aber auch Bücher, die in der Schwemme der Neuerscheinungen unterzugehen drohen und auch bereits vergessene, in unseren Augen aber nach wie vor wichtige Bücher. In der Rubrik Interviews und Essays, sprechen wir mit Persönlichkeiten aus Literatur und Gesellschaft und lassen Autoren in Form von Essays zu Worte kommen. Monatlich erscheint unsere Kolumne von Christian Kreis, der das Literaturinstitut Leipzig gerade erfolgreich abgeschlossen hat. Er widmet sich Themen aus dem Alltag eines Autors. FIXativ ist ein  Kunstwort für Textinterpretationen, wir interpretieren aktuelle und klassische Gedichte. Auch hier findet man exklusive Ausgrabungen und Auflassungen.

Im Salon zeigen wir unseren Lesern die Werke der Künstler, die an der Umsetzung des Poetryletters beteiligt sind.  Im Shop bieten wir unsere Printpublikationen zum Kauf an. Dort findet sich auch ein Link zu den Leseproben der einzelnen Bücher.
Abgerundet wird das Angebot der Seite durch das Gedicht des Tages, Texte zum Hören, ein Gästebuch, ein regelmäßiges Gewinnspiel und tausende von Links zu relevanten Webseiten des Literaturbetriebs. Alle wichtigen Bestandteile der Webseite findet der Leser im Überblick auf der Startseite.

Wer sind die Beteiligten am Projekt und woher die Begeisterung für Literatur und vor allem Literaturförderung?
Die Idee für das Format entstand zunächst aus reinem Selbstzweck. Ich schreibe schon einige Jahre, habe im Jahr 2000 meinen ersten Kriminalroman, Mr. Goldsteins letzte Reise in der Elefantenpress Berlin veröffentlicht und begann danach Gedichte zu schreiben. Auch ich erlag der leidvollen Erfahrung, wie schwer es ist, einen Verlag für Gedichte zu finden. Ich glaube, es ist das natürliche Verlangen eines jeden Autors, dass seine Werke auch gelesen werden.
Ich sah die Chance im Netz und fing einfach an. Zunächst recht planlos und so entstand Wildwuchs, der der Webseite nicht unbedingt gut tat und mir den Weg verbaute, qualitativ gute Autoren auf die Seite zu locken. Also habe ich die Reißleine gezogen und nochmal von vorne begonnen. Es war ein glücklicher Zufall, dass ich zu dieser Zeit, das ist jetzt zwei Jahre her, Frank Milautzcki kennenlernte, der ein langjähriger Kenner der Lyrikszene ist und mich seither unterstützt. Wir initialisierten ein Bewerbungsprogramm, lasen eingesandte Texte gemeinsam, lehnten ab und nahmen auf, sprachen in Eigeninitiative Autoren an.  Die Seite etablierte sich und ist heute ein attraktiver Platz für viele gute Autoren geworden.

Mittlerweile sind wir ein Netzwerk von Autoren, die nicht nur ihre Texte auf FIXPOETRY zeigen, sondern auch Rezensionen oder Interpretationen (FIXative) schreiben und somit unser Feuilleton mitgestalten. Frank Milautzcki leitet maßgeblich das Feuilleton, ich die übrigen Bereiche, wobei mir auch der ästhetische Aspekt des Webauftrittes und der kleinen Bücher, die wir verlegen, sehr wichtig ist. Bei allen grafischen Arbeiten unterstützt mich Korinna Feierabend.
Alle auf der Webseite generierten Einnahmen, die leider gering sind, dienen ausschließlich der Erhaltung und Weiterentwicklung der Seite, der Ausschüttung von Künstler- und Autorentantiemen und der Produktion der Lesehefte und des Poetryletters. Die Webseite ist für alle Leser kostenlos zugängig. Alle weiteren Mittel, die wir für Webseite und Verlag benötigen, finanziere ich privat.

Was ist der inhaltliche/formale Schwerpunkt von Fixpoetry bzw. was macht den Charakter eurer Veröffentlichungen, eurer Auswahl aus?
Ich sehe drei Herzstücke unserer Webseite. Das sind die Autorenbücher, die Möglichkeit unveröffentlichte Texte zu präsentieren, aber auch Leseprobe bereits erschienener Publikationen dem Leser näherzubringen und zum Kauf anzuregen. Der Poetryletter, der Gedicht und Kunst verbindet und das Feuilleton, das sich mit dem aktuellen Geschehen des Literaturbetriebes auseinandersetzt.

Wir achten auf Qualität, nehmen Autoren nur auf, wenn wir uns einstimmig einigen können und versuchen dabei ein möglichst breites Spektrum der zeitgenössischen Poesie abzubilden. Freilich sind diese Entscheidungen subjektiv, manchmal für Außenstehende kaum nachzuvollziehen. Doch wir genießen die Freiheit des Herausgebers und folgen unseren Entscheidungen konsequent. Fixpoetry ist und bleibt vollkommen unabhängig.

Wer sind eure Autoren?
Unsere Autoren sind zwischen 80 und 18 Jahre alt. Man findet in unserem Programm vom jungen Wilden bis zum etablierten Autor ein breites Spektrum an Sprachkunst, durch das man nach Lust und Laune, aber auch gezielt blättern kann. Absolventen anerkannter Literaturinstitute, große Autoren, die bereits in etablierten Verlagen veröffentlicht haben, Underground Poeten und Unbekannte, deren Werke wir schätzen, finden bei uns Platz.


Was ist euer Publikationsspielraum?
Unser Spielraum ist groß. Das Netz bietet unkomplizierte Publikationsmöglichkeiten und das schnelle Reagieren auf besondere Anlässe, das wir nutzen, wenn es unser finanzieller Rahmen zulässt.

Anders ist es bei unseren Verlagsaktivitäten. Wir publizieren im Quartal drei kleine FIXPOETRY Lesehefte. Die Autoren sind alle auf der Webseite bereits online vertreten. Die Lesehefte sind in der Aufmachung einem Oktavheft nachempfunden und in kräftigem 110g Werkstattdruckpapier gedruckt. In der Regel ist das Cover aus kostentechnischen Gründen gleich und kostet 6,90 Euro. Ausgenommen sind Sondereditionen wie die Anthologie KEIN THEMA und das Magazin MEHR UND WENIGER, erste bis letzte Poetryletter 2010, die gerade erschienen sind. Wir verlassen mit unseren Heften den virtuellen Raum, um sowohl Lesern als auch Autoren ein wirkliches Buch zu bieten. Alle Hefte werden im SHOP auf der Webseite angeboten, jetzt auch vereinzelt im ausgewählten Buchhandel. Der Vertrieb der Hefte gestaltet sich zurzeit noch äußerst schwierig und bedarf wohl noch einiger Lernkurven unsererseits. Hinzu kommt, dass der Aufbau eines Vertriebsnetzes mit Kosten verbunden ist, die wir im Moment nur schwer leisten können. So bleibt der Hauptteil der Arbeit an den freiwilligen Mitarbeitern hängen und lässt sich nur schwer organisieren.

Auch den Poetryletter bieten wir seit kurzer Zeit als echten Druck an. Er wird auf 190g/qm William Turner Papier gedruckt und kostet 29 Euro zuzüglich Versandkosten. Ein Verkaufsmodul für die Webseite wird gerade gebaut.
 

Dein persönlicher Höhepunkt in der bisherigen Arbeit? Gab es Entdeckungen, die dich besonders glücklich machen?
Das kann ich eigentlich gar nicht genau benennen. Die Arbeit an der Seite und den daraus entstehenden Produkten kommt einem Wechselbad der Gefühle gleich. Meine größte Freude habe ich immer dann, wenn ich merke, dass das Netzwerk von Lesern und Autoren immer besser funktioniert und dadurch wertvolle Beiträge für die Webseite entstehen. Ich freu mich auch immer riesig, wenn wir etwas verkaufen, wenn wir positiv erwähnt werden, über die vielen erfreulichen Kontakte und Begegnungen, die sich im Zuge meiner Arbeit ergeben und wenn wir die Möglichkeit bekommen, gemeinsam mit unseren Autoren auf einer kleinen Bühne zu stehen, wie jetzt am 30.11. mit Birgit Kreipe, Marianne Rieter und Johann Reißer in der Lettrétage in Berlin.

Ihr habt mittlerweile auch Illustratoren im Programm.
Der grafische Inhalt der Seite, die Illustratoren und Künstler sind wesentlich für FIXPOETRY. Alle darstellenden Künstler erhalten die Möglichkeit Ihre Arbeiten und Ihre Vita, mit Link zur eigenen Seite, im Salon darzustellen. Im Gegenzug greifen wir auf die Werke bei unserer Arbeit am Poetryletter zurück. Das ist ein sich gegenseitig befruchtendes Konzept, das allen Spaß macht.

Drei kurze Sätze über die Autoren, die in der Lettrétage lesen werden: Was macht ihre Arbeit aus?
Birgit Kreipe:  „
Ich arbeite viel und hart an meinen Texten, schreibe Prosa und Lyrik und zurzeit an einem Lyrikmanuskript, in dem u.a. verfremdete Märchen, eigensinnige Psychoanalyse und Früchte aller Art vorkommen.
Letzte Veröffentlichung: wenn ich wind sage seid ihr weg, Fixpoetry Leseheft 20, Hamburg, Klingenberg 2010.

Marianne Rieter:“ ich  liebe es, mit der Sprache zu spielen. schreibe kleine Texte, die vieles offen lassen, und schaffe damit Räume in denen Bilder, Gedanken und Stimmungen der Leser Platz finden“ .Letzte Veröffentlichung: Fortsetzung folgt, Fixpoetry Leseheft 21, Hamburg, Klingenberg 2010

Julietta Fix:“Schreiben bedeutet für mich bekennen. Ein Mittel aus emotionaler und sinnlicher Erfahrung heraus, Worte zu finden, die diese Erfahrungen beherrschen und nicht selbstbespiegeln Dabei ist mir eine schnörkellose, sachliche und direkte Sprache wichtig“
Letzte Veröffentlichung: Lyrik vom Fussboden, Fixpoetry Leseheft 3, Hamburg, Klingenberg 2009.
Johann Reißer;"Für mich hat sich Arbeit mit und an der Sprache immer aus einem vieldimensionalen Denken und einem wachen Bewusstsein der Gewordenheit der Gegenwart heraus zu orientieren. Das macht für ein konkretes Sprachding aber nur Sinn, wenn dabei im Material eine energetische Verschaltung entsteht, ein rhythmisch oszillierender Sinnschaltkreis, der seine Energie auf das von ihm Berührte überträgt."
Die Gedichte wurden bisher in Zeitungen und Anthologien veröffentlicht.

Wie schätzt du die Chancen kleinerer Verlage und Portale im deutschen Literaturbetrieb ein?
Literatur im Netz, vor allen Dingen Lyrik im Netz, ist ein Nischenprodukt. Ich glaube, dass das Netz niemals das gedruckte Buch ersetzen wird, aber ein immer wichtigeres Werbemittel für die Literatur wird. Gerade die Bücher, die in kleinen, feinen Verlagen erscheinen und nicht am großen Spiel der Bestseller teilnehmen, brauchen ein Forum, einen Platz, an dem sie vorgestellt und rezensiert werden können. Ob die Menschen irgendwann einmal wieder mehr Gedichte lesen, weiß ich nicht, wir werden auf jeden Fall alles dafür tun. Das Geheimnis des Erfolges ist wahrscheinlich, die richtige Mischung der Beiträge über den Tellerrand der Lyrik hinaus zu finden und eine gleichbleibend gute Qualität zu halten, damit die Leser uns weiterempfehlen und auch unsere Produkte kaufen.

Was wünschst du dir oder planst du für die Fixpoetry-Zukunft?
Wir sitzen bereits am nächsten Relaunch der Webseite, der den Magazincharakter des Formates noch deutlich herausarbeiten soll. Auch wollen wir die Benutzerführung noch vereinfachen und ästhetisch noch klarer und einfacher werden. Ich wünsche mir, dass aus FIXPOETRY.com ein wirtschaftlich tragbares Konzept wird und ich alle Mitarbeiter für Ihre Arbeit irgendwann entlohnen kann. Das wäre eigentlich mein größter Wunsch, und dann wünschte ich mir noch, dass die vielen Splittergruppen, die es in dieser Szene gibt, sich zusammen schlössen und gemeinsam an einem Konzept arbeiteten, dass dem Gedicht, vor allen Dingen in Deutschland, zu einem anderen Stellenwert verhilft und ja, last but not least,  Leser wünsche ich mir, Leser, Leser, Leser.
 

Am 30.11.2010 lesen die Fixpoetry-Autoren Birgit Kreipe (Berlin), Marianne Rieter (Zürich), Johann Reißer (Berlin) und Julietta Fix (Hamburg) neue Texte sowies aus den Fixpoetry Leseheften in der Lettrétage.

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