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Ich habe einfach nur die Seiten gewechselt
© Paulinchen81

Ich habe einfach nur die Seiten gewechselt

Ich bin eine 29-jährige, gebürtige Hannoveranerin. Zu meiner Entschuldigung gebe ich immer hinzu, dass meine Eltern waschechte Berliner sind. Ich bin also im Exil geboren, für meine Familie jedoch die einzige Nicht-Berlinerin. In der niedersächsischen Provinz aka Landeshauptstadt bin ich dann auch aufgewachsen, im Angesicht der Erinnerungen meiner Eltern an Berlin. Früh stand fest, ich will weg aus Hannover, rein in die Welt. Auf Umwegen über Hamburg, Chicago und Paris bin ich dann endlich im gelobten Land angekommen.
Phenotyptechnisch gesehen ist wahrscheinlich das augenscheinlichste an mir meine blonden Haare und meine dunkelbraunen Augen. Menschen mögen an mir meine unkonventionelle Art der Selbstdarstellung, ich versuche mich nicht in irgendeine Schublade zwängen zu lassen. Gar nicht gern mögen viele Menschen meine extrem ausgeprägte Neugier. Soll ja manchmal nerven.

Bis zum Abitur wusste ich immer genau, was ich machen wollte: nämlich Abitur. Danach kam die große Leere. Statt meiner Neugier zu entsprechen und Journalistin zu werden, entschloss ich mich zu einem Turbostudium an der AMD in Hamburg. Textilmanagement und Marketing um nach dem erfolgreich abgeschlossenen Studium gleich in der Hotellerie zu landen. Den Grundstein dazu setzte ich im Adlon als Quereinsteiger, dann zu Marriott und schließlich ins Ausland. Zurück in Berlin eröffnete ich ein Hotel und fand dann schließlich einen Job, der meine modische Ausbildung und meine Hotelerfahrungen kombiniert: ich mache jetzt in Hoteluniformen.
Meine jetzige Chefin lernte ich als Ausstatter meines letzten Hotelprojekts kennen. Wir sahen und verstanden uns und dann war klar: Das wird mein neuer Job. Im Endeffekt habe ich immer noch mit den gleichen Leuten zu tun: Hotelliers. Ich habe einfach nur die Seiten gewechselt.

Ich wohne am Strausberger Platz, im Stalinbau, in Friedrichshain. Ich liebe meine Wohnung, meinen Strausberger Platz und den Friedrichshain. Es ist urban, trendig und historisch. Von hier aus kann ich alles fußläufig erreichen. Von Szene bis Erholung, hier finde ich alles. Was ich nicht daran mag in der Mitte der Stadt zu wohnen ist der lange Weg an den Stadtrand von Berlin…und die steigenden Immobilienpreise.

Ein normaler Tag sieht für mich so aus: Sobald der Wecker klingelt, kommt meine Katze Paula angerannt und ich werde wachgekuschelt, ohne Rücksicht auf Verluste. Danach gibt es Katzenfrühstück und ich mache mich fertig für die Arbeit. Zur Zeit arbeite ich noch in Brandenburg an der Havel. Bewaffnet mit Buch und Coffee to go geht es zur Regionalexpress nach fancy Brandenburg. Zurück in Berlin – hier auch Zivilisation genannt – gehe ich zum Gym, treffe Freunde auf einen Drink und gehe nach Hause, um noch etwas zu bloggen und meine Freunde im web 2.0 zu treffen.

Am schönsten war es, nach langem Auslandsaufenthalt in diese Stadt zurück zu kehren, auf der Schlossbrücke zu stehen und in die Spree zu spucken, nachts durch Berlins Strassen zu laufen und sich wunderbar frei und beschwingt zu fühlen. Vielleicht liegt das an der Berliner Luft? Hier in Berlin hab ich auch mein erstes Fahrrad bekommen. Himmelblau mit Mickeymausklingel. Den Fahrradladen gibt es heute noch, das Rad nicht mehr. Berlin ist einer der tolerantesten Städte der Welt, hier gibt es die berühmtesten Clubs, Streetart und eine unglaubliche Lebensqualität, die sich nicht in Qualität, sondern vor allem im Leben und Leben lassen erschließt. Hier kann man Anonymität zelebrieren, ohne sich einsam fühlen zu müssen. Die einzige derzeitige Alternative zu Berlin ist für mich nur Paris. Nur eine Stadt im Ausland kommt für mich in Betracht, da ich mir nicht mehr vorstellen kann, irgendwo anders in Deutschland zu wohnen als in Berlin. Ich finde, Berlin braucht weniger von Restdeutschland. Keine Einheitlichkeit mehr, keine Gleichmachung, weniger Gentrifizierung. Die Stadt muss sich ihre Bohemes erhalten und nicht vermarkten.

Ausgehtips früher und heute Ich vermisse den ganz normalen Sage Club am Samstagabend – Gott hab ihn selig. Der coolste und entspannteste Club der Stadt. Dafür gibt es aber noch Tango Vicioso im Insomnia. Der Sexclub wird am ersten und dritten Mittwoch jeden Monats zum Tangoclub. Verruchte Atmosphäre in verruchter Kulisse - das gibt es nur in Berlin. Eingetaucht in Halblicht und Sexappeal wird Tango zu dem, was man sich darunter vorstellt.

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