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"Ich möchte mal zu fremden Leuten "Fick dich" sagen!"

"Ich möchte mal zu fremden Leuten "Fick dich" sagen!"

Thang, 27, aus Hanoi über das Leben als Migrant in Deutschland, kulturelle Identitäten und den täglichen Umgang mit Klischees.

 

Ich bin jetzt 27, ich bin noch jung. Nicht zu alt, nicht zu jung, ich bin jung. Und ich habe einiges erlebt in meinem bisherigen Leben. Ich durfte mit 18 einen nagelneuen BMW fahren, ich war mal für eine Zeit in Asien, ich durfte jegliche deutsche Jugendkultur kennen lernen. Und ich wollte auch immer die Jugendlichen kennen lernen, die sich in dieser Jugendkultur aufhalten. Geprägt bin ich von Hip Hop, Reggae, Flower Power, ich fand alles toll. Ich fand jede europäische Jugendkultur in Deutschland toll! Ich fand das toll mich so auszudrücken, denn meine Mutter, meine erste Sozialisation, die hatte das nie, die hatte keine Jugendkultur. Die hatte eine politische Kultur, aber keine Jugendkultur. Wir hier sind junge, mitteleuropäische Menschen, die eigentlich ziemlich verwöhnt sind. Ganz ehrlich: Ich bin 27 und häng immer noch herum zwischen billigen Jobs und Casino, ab und zu mal Asien, da mal American Apparel, da mal ne Party. Ich meine, ich müsste eigentlich in Thailand irgendwo im Rotlichtmilieu den Leuten Kaugummis anbieten! „Anybody chewing gum? Chewing gum just one dollar, Sir! Just one dollar!“

Du hast vorhin gesagt, du hast schon so einige Arbeitswelten erlebt, was dir viele Vergleiche ermöglicht. Erzähl mal, wo hast du denn gearbeitet?

Also, wenn wir jetzt wirklich im Urschleim anfangen…

Lass uns mit dem Urschleim anfangen.

Mein erster Job war Klamotten verkaufen. Ich war glaube ich 10, meine Mutter hatte nach der Wende einen Klamottenstand – wie alle Fidschis. Aber sie war eine der ersten, und sie wird noch heute von einigen dafür bewundert, dass sie als Frau nach der Wende eine der ersten war, die in Bayern Klamotten gekauft hat – wir haben früher im Vogtland gewohnt und das liegt ja an der Grenze zu Bayern – da ist sie immer nach Hof gefahren, hat neumodische Sachen gekauft und sie dann in Plauen im Vogtland verkauft. An einen Norma-Markt. Eines der Erlebnisse, die mich in dem Zusammenhang mein Leben lang prägen werden, war, dass ich als 10jähriger Junge von einer Kundin gefragt wurde, ob es das Kleid, das sie kaufen wollte, nur einmal gibt. Ich stand so da und hab sie angeguckt und gedacht – „oh Mann, Jesus, die Mauer, der Kapitalismus, ich glaube, du hast das falsch verstanden: Es gibt Kleider nicht nur einmal!“ Ich war 10 und war geschockt, dass sie denkt, dass nur sie dieses Kleid tragen wird. Ich meine: „Schätzchen, du kaufst das hier bei der Norma, das ist nicht die Haute Couture!“

Die Geschäftstüchtigkeit deiner Mutter hat dich also schnell mit dem Kapitalismus vertraut gemacht! Wie gings dann weiter, nach diesem Schlüsselerlebnis?

Mein zweiter Job war während meiner Schulzeit, ich hatte damals Abi gemacht und meine Mutter durfte - nach der Sache mit dem Klamottenshop -  in einer Bahnhofshalle Bier ausschenken für Maler, die in der Umschulung waren. Unterer Bahnhof in Plauen, da habe ich wahrscheinlich die meiste Zeit meines Lebens verbracht – neben der Schule. Und den Parties.

Von Leipzig aus bin ich vor zwei Jahren nach Berlin gegangen. Ich hab vorher schon immer mal hier gewohnt, ich hab hier meinen Zivildienst gemacht von 2004 bis 2006 in einem Montessori-Kindergarten, mit 20 niedlichen Kindern. Ich durfte danach auch noch zwei Kinder weiterbetreuen, die waren so süß. Bilingual erzogen, Vater Arzt, Mutter Krankenschwester, aber trotzdem so leicht 68er. Aber danach bin ich dann zurück nach Sachsen und dachte mir, ich erkunde mal die Spuren von Montessori und studiere Soziologie. Ich hab das auch zwei Jahre gemacht und durfte dann ein mittelgroßes Fotografiefestival, das F/Stop mitorganisieren. Das war so meine erste Berufserfahrung, die ich als akzeptabel empfunden habe. In Leipzig habe ich dann auch das erste Mal im Callcenter gearbeitet, für die Forschungsgruppe Medien, in einem Unternehmen, das Radioumfragen macht. Ich fand das heavy und auch ein bisschen nervig. Am Anfang war es noch interessant. Ich hab dort auch das Reden gelernt. Man fragt halt: Von wann bis wann hören Sie das, welchen Lieblingssong haben Sie, … Man arbeitet für unterschiedliche Radiosender, von Berlin bis Baden-Würtemmberg, alles. Alle Mainstream-Radiosender.

Hat dir der Job das Zugehen auf fremde Menschen leichter gemacht oder hattest du vorher schon kein Problem damit?

Davor hatte ich immer ganz viele Probleme mit Menschen zu reden, doch. Es lag wahrscheinlich daran, dass ich durch meine Kindheit stark geprägt war. Ich komm ja eigentlich aus der Migration. Und Migranten, auch wenn sie gebildet sind, oder aus gebildeten, hochangesehenen Familien stammen, geraten in der Migration doch immer in die Unterschicht. Du kannst da machen, was du willst. Außer du bist amerikanischer Migrant oder englischer Migrant oder französischer Migrant. Aber ich komme aus Vietnam.

Du fühlst dich stigmatisiert durch das Äußere?

Immer! Alle Migranten auf der Welt, die nicht weiß sind. Oder beziehungsweise: Wenn du als Weißer nach Asien kommst, bist du natürlich auch stigmatisiert. Es liegt einfach an deiner Hautfarbe. Das macht sich im Alltag so bemerkbar, dass – auch wenn du die Klischees nicht erfüllst, dass die Klischees an dich angelegt werden und du permanent dagegen ankämpfen musst. Es kommt auch darauf an, wo ich bin. In Sachsen hatte ich das Gefühl, ich bewege mich in zwei Welten. Einerseits an der Uni, und früher unter den Freunden meiner Mutter – die selbst auch studiert hatte und auch danach noch viel Kontakt mit den Professoren hatte, mein Vater ist Doktor, war der Umgang schon ein anderer als auf der Straße.  Ich selbst wurde von einer Pfarrerstochter aufgezogen, Dagmar aus Oelsnitz. Dagmar war Hebamme, hat uns ins Theater geschleppt, hat sich um uns gekümmert und wir durften sie dann auch besuchen. Ihr Vater war dann später mein Religionslehrer. Es gab also durchaus noch andere Einflüsse.

War deine Familie sehr gläubig?

Mein Vater wurde in den letzten Jahren seines Lebens Christ. Vorher war er aber nie sehr gläubig. Meine Mutter ist sehr, sehr gläubig. Das ist so eine Mischung aus Ahnenverehrung und Buddhismus. Schlimm. Wir haben zwei Altare in der Wohnung stehen und an manchen Tagen darf ich bestimmte Sachen einfach nicht machen. Ich darf mich nicht in dem Zimmer, wo die Altare sind ausziehen, was ok, ist, denn wir haben zwei Zimmer, ich darf kein Geld abheben, und richtig viel Trouble gibt es nachts. Ich darf mit den Füßen nicht in Richtung der Altare schlafen. Das fällt mir manchmal schwer, weil ich es gewohnt bin, mit dem Kopf in die andere Richtung zu schlafen und das kann dazu führen, dass deine Mutter dich dann weckt und ganz sauer ist, und du denkst: „Mein Gott, Mom, ich schlafe, sorry!“
Du kennst das ja, es gibt Menschen, die schlafen auf der rechten Seite, es gibt Menschen die schlafen auf der linken und sich halt nur wegen zwei Altaren umzugewöhnen, das ist schon ein bisschen Folter. Ich hab dennoch viel Verständnis dafür, sie ist erst mit 20 hierhergekommen, in die DDR, und davor war sie ein vietnamesisches Girl. Und wie gesagt, mit 20, wenn du in ein anderes Land gehst, das auch kulturell ganz anders geprägt ist, dann gewöhnst du dir das auch nicht ab. Du bist alleine in dieses Land gekommen und das einzige, was du hast, ist deine kulturelle Identität. Die hast du von deinen Eltern erfahren und die nimmst du auch mit.
Bei mir ist es so, wenn ich Leuten zum ersten Mal begegne – obwohl ich mich sehr gut auf Deutsch artikulieren kann – hinterfrage ich manchmal die Art wie sie mit mir agieren oder kommunizieren. Haben die schon mal einen Asiaten getroffen, der hier aufgewachsen ist? Wenn nicht wissen sie wahrscheinlich auch gar nicht, wie sie mit denen umgehen sollen. Genauso wie es deutsche Klischees gibt, gibt es eben auch vietnamesische Klischees.

Was sind denn so die gängigen Klischees, mit denen du konfrontiert wirst?

Ich denke schon, dass die meisten Menschen mich als sehr freundlich und sehr höflich empfinden. Aber ich bin eigentlich ne Bitch. Nein! Ich MÖCHTE eine Bitch sein und krieg es nicht hin! Ich möchte mal, fremden Leuten, die mich nicht kennen und mich trotzdem scheiße behandeln, sagen „Fick dich“, „Arschloch“, „Du kannst mich mal“. Aber ich bringe es so schwer raus.

Und sonst?

Viele Vorurteile begegnen einem in der Schulzeit. Das geht damit los: Asiaten sind gut in Mathe – ok…Also ich muss ehrlich zugeben: In der sechsten Klasse durfte ich an der Mathematikolympiade teilnehmen. Aber: Danach gings bergab. Ich war so schlecht in Mathe. Mein Lehrer hatte mich vorgeschlagen, und als ich dann so schlecht abgeschnitten habe, war das eine solche Demütigung, dass ichs nicht mehr überwunden habe. Ich bin dann schlecht geblieben.
Weiter gings im Französischunterricht. Meine Französischlehrerinnen dachten: Der Typ heißt Thang Ngo Duc, das heißt übersetzt Thang Ngo der Graf, und Französischlehrer kennen die französische Kolonialzeit, Indochina und haben immer so 1 plus 1 ist gleich 2 ausgerechnet: Ngo Duc plus Thang heißt: der ist perfekt in Französisch. Witzigerweise: Bis zur zehnten war ich wirklich gut in Französisch, danach, bei der Lehrerin, die mich am ehesten auf diese Rolle festgelegt hat, wurde ich sehr, sehr schlecht.

Wie hat sie dich denn damit konfrontiert? Hat sie gesagt: „Du musst das doch wissen?“

Es war irgendwie so. Und es war auch in Mathe so. Die kamen immer irgendwann an und meinten „Thang, du musst das doch wissen!“. Ich habe dann immer gedacht: „Nee, ich muss es eben nicht wissen.“ Ich vermute mal, ich bin absichtlich so schlecht geworden. Witzigerweise war ich in Deutsch immer der Beste. In Deutsch, in Englisch und in deutscher Geschichte war ich der Beste. Das hat meinen Ehrgeiz geweckt. Und das obwohl meine Mutter ständig über den Vietnamkrieg erzählt und über Reiskuchen.

Spricht deine Mutter gut deutsch?

Sie leider gar nicht. Ihre deutschen Studienfreunde sieht sie alle 5 Jahre mal, aber sonst hat sie immer ihre vietnamesischen Studienfreunde behalten, mit denen sie auch in der DDR studiert hat. Das prägt ja auch, wenn du mit anderen aus deiner Heimat in einem fremden Land studiert.

Was würdest du sagen, treffen die Klischees, mit denen du konfrontiert wirst auf dich zu?

Es sind zutreffende Klischees. Aber das Ding ist, ich bin ja hier aufgewachsen und ich weiß, dass es in bestimmten Kreisen ganz normal ist, einfach mal die Sau rauszulassen. Nur: ich krieg das einfach nicht hin. Das Problem ist wahrscheinlich: Ich lebe mit dem Klischee und denke, ich müsste es erfüllen.

Hat sich der Mauerfall für dich bemerkbar gemacht? Du warst damals 6.

Ich glaube, es wurde mir erst später wirklich bewusst, aber es gab schon so Erlebnisse wie das Verschwinden meiner Grundschullehrerin, die mich irritiert haben. Lehrer ist ein Beruf, den man mit Erfüllung ausübt, gerade die Grundschule der DDR erfüllte ja noch eine ganze andere Funktion. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie einer Liebe in den Westen gefolgt ist. Ich nehme an, Sie hat im Staatsapparat eine wichtige Rolle bekleidet und hat sich dann nach dem Mauerfall schnell zurückgezogen. Das sie verschwunden ist, fand ich komisch, aber das war irgendwie auch schon alles.

Hat sich in deiner Kindheit das Verhältnis zwischen der DDR und den kommunistischen Staaten, zu denen Vietnam ja auch zählte, für dich bemerkbar gemacht? Du warst immerhin Teil einer Minderheit, die sich optisch von den anderen unterschied und auch symbolisch für das freundschaftliche Verhältnis der kommunistischen Staaten stand. Wurdest du im Alltag als Stellvertreter einer Ideologie behandelt?

Ich war in meiner ganzen Schulzeit der einzige Asiate. Ich hab sehr oft die Schule gewechselt, weil wir auch oft umgezogen sind. Als Asiate war ich immer ziemlich allein. Aber ich kam auch erst am 1. September 1990 in die Grundschule, und das System war da schon ein anderes. Die Lehrer waren immer sehr tolerant, sie wussten ungefähr um die Biografie meiner Eltern und hatten einen guten Überblick, aber sie haben mich nie gefragt, woher ich komme. Es waren immer die Kinder, die gefragt haben, nie die Lehrer. Ich kann ihre Neugier gut verstehen, das ist normal. Aber es gab keinen einzigen Lehrer in meinem Leben, der mich jemals gefragt hat: „Woher kommst du?“ Keiner. Die Fragen der Kinder allerdings haben mich relativ früh dazu gebracht, mir über meine Identität Gedanken zu machen. Fragen dieser Art tauchen bei Kindern glaube ich nur auf, wenn sie spüren, dass sie noch eine andere Biografie haben, neben der, in der sie sich fühlen. Nämlich eine, die fast gar nicht mehr meine ist, sondern mehr oder weniger auferlegt. Ich bin mit 4 hergekommen, und das sind nur 4 Jahre, in denen ich in Vietnam bei meinen Großeltern aufgewachsen bin. Ich wurde zwar hier gezeugt, aber ich durfte nicht in der DDR geboren werden, das war die Bestimmung. Vietnamesische Migranten waren in der DDR verpflichtet, keine Kinder zu gebären, gerade die Studenten sollten keine Beziehungen führen. Meine Mutter ist dann während der Schwangerschaft nach Vietnam geflogen und hat mich dann in Hanoi im Frauenkrankenhaus zur Welt gebracht. Zum Jahr des Hundes.

Es ist auch so: Durch diese Migration erlebe ich alles doppelt. Ich kann dadurch verschiedene Kulturen vergleichen,  zum Beispiel, ganz dummes Beispiel: das Horoskop. Meine Mutter erzählt immer „Du bist Hund“, die anderen erzählen mir ich sei Steinbock. Man wächst immer mit zwei Sachen auf, die beide irgendwie normal sind. Ich denke, das ist bei allen Migranten so. Ich lese auch total gerne die Dinge, die andere Migranten so erzählen, türkische zum Beispiel, ich finde es interessant gerade wie solche das erleben, die bereits in der dritten Generation hier leben. Die Probleme ähneln sich, ich kann vieles nachvollziehen. Aber wenn ich woanders hingehe, dann stellt sich für mich ganz schnell das Gefühl ein: „Oh Mann Thang, du bist deutsch. Du bist so deutsch!“ Natürlich schlummert in dir noch eine andere Kultur, aber du hast dich dein Leben lang so artikuliert: als Deutscher

Wie äußert sich das?

Ich bin für einen Asiaten wahnsinnig direkt. Ich merke das immer, wenn ich unter Asiaten bin. Dann erwische ich mich dabei, dass ich denke: „Shit, das hättest du jetzt besser nicht fragen sollen.“ Aber für Deutsche bin ich dann wieder doch gar nicht so direkt. Wenn ich so schwul tue, dann bin ich ziemlich direkt. Aber wenn ich Ich bin, ohne das Schwul, ohne das Ding, dann bin ich eher so höflich fragend. Das ist einer der auffälligen Unterschiede. Aber ich sehe das entspannt. Früher hätte ich gesagt, ich lebe im Exil. Aber je älter ich werde, desto toller finde ich es, dass ich in zwei Kulturen aufgewachsen bin. Ich bin fast ein bisschen stolz.

Nach all den Gelegenheitsjobs im Callcenter, auf Fotofestivals und Umzügen aus Sachsen hierher bist du nun in einer Festanstellung gelandet. Was genau machst du?

Heute arbeite ich im Kundenservice bei einer outgesourcten Firma, die für Ebay arbeitet. Ich bearbeite Sicherheitsfälle – mehr darf ich leider nicht verraten – und unterstütze somit alle Mitglieder weltweit, egal wo sie sind, bei ihren Problemen mit ihrem Mitgliedskonto.

Das heißt, wenn mein Account gehackt wird und jemand über meine Adresse Edelstahltoaster nach Amerika verkauft, dann bist du meine Rettung.

Ja, ich helfe dir. Jederzeit. 7 Tage die Woche, 7-23 Uhr, Wochenende, Weihnachten, Silvester, mein Geburtstag, komplett. Ich schaue zuerst aufs Alter, ich gucke wo die herkommen. Wie die aussehen, das stelle ich mir nicht vor, das ist zu schwer.
Ich sinniere gerne mit meinen Freunden - egal wer es ist komischerweise, ich nehme an, das liegt am Soziologiestudium - übers Leben. Über Lebenshintergründe. Und ich finde es bei meiner Arbeit auch wirklich unglaublich interessant, ganz unterschiedliche Menschen zu treffen. Den 20jährigen aus Mahrzahn, die Grafikerin aus Mitte mit zwei Kindern, M. aus Polen, S. aus Brandenburg. Diese Mischung aus unterschiedlichen Menschen ist gerade für mich, als jemand, der immer in Kleinstädten gewohnt hat, unglaublich interessant. Da wo ich mich bewegt hab, waren alle immer irgendwie gleich. Früher hatten die alle ungefähr das gleiche Elternhaus, das gleiche Schicksal, alle Eltern die Mauer erlebt, alle Kinder nach der Mauer. Und später, egal, ob ich im Callcenter war, an der Uni oder auf einer Party, das waren alles irgendwie meine Kommilitonen. Kulturwissenschaftsstudenten, Soziologiestudenten Medizinstudenten. Alles war irgendwie gleich. Hier treffe ich Leute aus ganz verschiedenen Milieus, das ist erfrischend.

Du bist wegen deiner Familie nach Berlin gekommen, nun bist du zwei Jahre hier. Was war dein Eindruck von der Stadt und willst du bleiben?

Oh, am Anfang kam ich mit der Diversität hier gar nicht klar. Deutschland war für mich früher Sachsen. Ich kann jetzt besser damit umgehen. Aber Berlin ist für mich keine Endstation. Ich ziehe ja alle zwei Jahre um – so war es jedenfalls die letzten 8 Jahre – und ich wollte eigentlich mal ne westdeutsche Stadt erleben. Eine kleinbürgerliche, westdeutsche Stadt. Stuttgart. Im Tal, abgeschirmt, da kommt halt nicht jeder Japaner hin. Ich möchte wirklich mal gerne nach Baden-Württemberg. Zum Studieren. Zum Wohnen. Und ich möchte auch gerne noch mal studieren. Oder ich gehe nach New York. Und ich wollte auch schon immer mal nach Asien gehen, für eine Zeit. Als Erwachsener. Vietnam ist mir zu langweilig, aber Hongkong als Kombination zwischen dem Westen und Asien, zwischen Beans und Chicken frittiert, das erinnert mich an mich und interessiert mich darum wohl auch so.

Hast du einen Lieblingsort in Berlin?

Lieblingsorte ergeben sich ja meistens erst in der Rückschau, im Vergleich mit anderen Orten. Aber ich muss sagen, ich wohne am Volkspark Friedrichshain und ich gehe sehr gerne alleine da spazieren. Ich finde das herrlich. Nicht wegen Wiesen mit schwulen, großen, europäischen Männern, nein, es geht darum, dass ich wirklich gerne einfach durch den Park gehe. Ich zähle sogar meine Schritte, und gucke mir dabei die Leute an. Wahrscheinlich ist das so eine Art Flucht ins Ländliche. Ich komme aus kleinen Städten, ich hab immer in kleinen Städten gewohnt und dort finde ich diese Idylle dann wieder. Ich finds wirklich perfekt dort zu wohnen, besser geht es gar nicht.

Bis jetzt hast du vor allem geschwärmt, gibt es denn etwas, dass du an Berlin nicht leiden kannst?

Ich muss sagen, ich mag die Berliner Schnauze wirklich nicht. Ich finde das albern. Manchmal kann es ganz schön witzig sein, aber wenn du mit dem falschen Bein aufgestanden bist, müde bist, und jemand kommt so an als wollte er ganz was Böses – ich tue dann immer so, als wäre ich ein verirrter Tourist und spreche Englisch mit denen, als wäre nichts gewesen. Aber wahrscheinlich sind Berliner so, und – ich versuch es zu vermeiden, aber - ich werde mit der Zeit auch so werden. Berlinern ist ja auch eine Sache der Wortwahl, das ist schon manchmal derbe. Ich kann mir vorstellen, dass zum Beispiel Neuköllner Jungs mit Migrationshintergrund das auch nur nachäffen, aber das ist auch eine Art Berlinern! Ich glaube, wenn man das vergleichen würde, die Sprachsozialisation von Migranten in Berlin und sagen wir Bayern, das sind Welten. Das liegt an Berlin, das Bushido hier aus der Ecke kommt. Bushido aus Hof, das geht einfach nicht.

Wenn du Berlin in einem Satz beschreiben müsstest, was fiele dir dazu ein?

In Berlin kannst du so sein, wie du schon immer sein wolltest.

Herrje, das klingt so blumig. Meinst du das wirklich so?

Ja. Ich bemerke das immer an Leuten, die neu hierherziehen, wie sie sich auf einmal ganz stark verändern. Man hat hier einfach viele Freiheiten, die man anderswo so nicht hat.  


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