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 Jeder denkt, wir wollen etwas verkaufen.
© LoBe Gallery Berlin

Jeder denkt, wir wollen etwas verkaufen.

von anna.

Olivia Reynolds hat viele Menschen kennengelernt, auf dem Weg von London nach Berlin. In Schottland, München und am Londoner Goldsmith College hat sie Kunst studiert. Nun lebt und arbeitet sie in Berlin, wo sie in der Schererstraße im Wedding das LoBe betreibt: Eine kleine Galerie, die sich als Mittler zwischen der Kunstszene in London und Berlin versteht.

Das LoBe besteht nun seit Januar 2010 und ist nicht einfach eine gewöhnliche Galerie sondern stellt Arbeiten aus einem Austauschprojekt von Künstlern aus London und Berlin vor. Wie funktioniert dieser Austausch?

Im Grunde ist es ganz einfach. Ich lade einen Künstler oder eine Künstlerin aus Berlin und einen aus London ein und bringe die beiden zusammen. Beide kennen sich nicht, leben also in total verschiedenen Welten. Zunächst haben sie erst einmal E-Mail-Kontakt. Wenn dann der Londoner Künstler nach Berlin kommt, haben wir eine Gästewohnung, in der der Engländer für die Dauer des Projektes wohnen kann. Dann bekommen beide Künstler einen Schlüssel von der Galerie. Sie benutzen die Galerie als Atellier. Werke aus England oder ihrem eigenen Berliner Atellier können sie nicht mitbringen, sondern müssen eine neue Arbeit entwickeln - das ist eine Voraussetzung.

Was genau ist das Konzept, was will LoBe dabei?

London und Berlin sind zwei beeindruckende Städte mit einer sehr interessanten Kunstszene. Wir möchten, dass ein Künstler gemeinsam mit einem anderen Künstler ein neues Werk schafft. Dabei wird er zwangläufig vom anderen Künstler beeinflusst, mit dem er ja die Ausstellung vorbereitet. Wir wollen diesen Austausch zwischen Künstlern aus zwei verschiedenen Kulturen fördern. Letztlich ist das LoBe also an einem Austausch der Kulturen interessiert. Wir möchten den Kontakt und die Kommunikation zwischen beiden Städten fördern.

Ein wichtiger Aspekt vom Lobe ist dabei, dass das LoBe nicht nur ein Ausstellungsort ist, sondern die Werke dort entwickelt werden. Es geht also in erster Linie um den Prozess und den Kommunikationszusammenhang, in dem das Kunstwerk entwickelt wird. Von Anfang an. Das ist sehr wichtig für uns: It’s about the process of making the Art!

Wieso ist dieses Angebot für Künstler interessant?

Die meisten Künstler haben normalerweise vor einer Ausstellung nur eine Woche Zeit, in einer Galerie etwas vorzubereiten. Bei uns haben sie einen Monat. Für die Künstler ist das also eine gute Möglichkeit. Außerdem haben sie bei uns nicht so viele Grenzen, sei es räumliche oder inhaltliche, also insgesamt viel mehr Möglichkeiten, frei zu arbeiten. Manchmal komme ich vorbei, trinken einen Tee mit den Künstlern und schaue mir ihre Arbeiten an, aber ich habe kein Interesse, sie in ihrer Arbeit zu beeinflussen. Und für englische Künstler ist natürlich besonders interessant, dass sie für die Dauer eines Projektes in Berlin wohnen und arbeiten können.

Ich nehme an, dass die Nachfrage, im LoBe auszustellen sehr groß ist. Können sich die Künstler, die im LoBe ausstellen bewerben oder wie funktioniert die erste Kontaktaufnahme?

Das Echo ist tatsächlich sehr positiv. Meistens werde ich einfach angesprochen. Dabei lerne ich die meisten Künstler tatsächlich über andere Künstler kennen. Christl zum Beispiel, die aktuell im LoBe ausstellt konnte mir schon eine Reihe interessanter Künstler vorschlagen. Manchmal funktioniert es aber auch umgekehrt und ich habe einen interessanten Künstler gefunden und weiß nicht, mit wem ich ihn zusammenbringen kann im Rahmen einer LoBe Ausstellung. Meist zeige ich seine Arbeiten anderen Künstlern und wir machen uns gemeinsam Gedanken, mit wem man ihn zusammenbringen könnte.

Stellt ihr auch Kontakt zu Käufern her?

Nein, daran sind wir nicht einmal interessiert. Ganz im Gegenteil. Wir suchen Förderer. Wir wollen kein Teil des ganzen Finanzkarussels im Kunstmarkt sein. Und ganz pragmatisch: Wenn wir die Arbeiten unserer Künstler auf Kunstmessen ausstellen würden, wären sie schlichtweg unverkäuflich. Und ich meine, unsere Galerie ist im Wedding. Wir sind vielmehr daran interessiert, unsere Kunst normalen Leuten zu zeigen, als sie irgendwem zu verkaufen.

Wieso habt ihr euch mit der Galerie gerade im Stadtteil Wedding angesiedelt? Ist hier die Atmosphäre für neue Galerien besonders günstig?

Der Laden ist typisch für Berlin, denn er hat eine Geschichte. Das Haus ist hundert Jahre alt, im LoBe war früher ein Schlüssel-Laden drin. Wedding ist ein sehr guter Ort für eine Galerie wie das LoBe, hier passiert sehr viel:  Es gibt sehr viele Atelliers, viele Projekträume, alleine fünf in unser Straße. Außerdem ist das Publikum hier sehr gemischt. Natürlich kommen viele Künstler vorbei, aber auch ganz normale Leute, zunächst vor allem ältere Menschen, in letzter Zeit besuchen uns aber auch immer mehr junge Leute. Außerdem ist es ganz nah an Prenzlauer Berg, Mitte und vor allem am Hauptbahnhof, wo es viele kreative Orte gibt.

Wie entstand der Name LoBe?

LoBe kommt von London – Berlin. Auf Englisch kommt das Wörtchen Lobe aber auch in den Wörtern „earlobe“ or „brainlobe“, also Ohrläppchen oder Hirnlappen vor. Dieses Wortspiel finde ich interessant. Ich mag den Namen sehr, weil es diese bestimmte Stelle des menschlichen Gehirns beschreibt.

Wieviele Mitarbeiter hat das LoBe – oder machst du die ganze Arbeit alleine?

Wir sind vier Leute. Ich bin Initiatorin des LoBe und auch die einzige von uns, die vor Ort in Berlin lebt, das heißt die meiste Arbeit übernehme ich. Normalerweise habe ich einen Praktikanten, momentan bin ich gerade auf der Suche nach einem Neuen. Meine Kollegin Astrid lebt in Frankfurt und dann habe ich noch zwei Kollegen in England: Jaspar ist Professor in einer Kunstakademie und selbst Künstler, Christine ist Kuratorin und wohnt ebenfalls in London.

Das heißt ihr sucht also aktuell einen neuen Praktikanten?

(Lachend) Ja! Unbedingt. Der muss auch nicht unbedingt englisch sprechen – deutsch wäre aber gut.

Und was wünscht ihr euch für die Zukunft des LoBe?

Oh, wir haben ambitionierte Ziele. Wir versuchen die Organisation weiterzuentwickeln und planen eine zweite Dependance in London zu eröffnen. Ein weiteres Ziel ist, in Berlin einen größeren Ort zu finden, an dem wir ausstellen können. Um das erreichen zu können brauchen wir allerdings kurzfristig einen neuen Praktikanten und mittel- bis langfristig Förderer. Wenn wir keine Förderer finden, können wir das LoBe nächstes Jahr vermutlich nicht weiter betreiben. Vor allem aber wollen wir uns als nicht-kommerzielles Kunstnetzwerk etablieren und einfach unsere Arbeit weitermachen. Die Tatsache, dass wir nicht kommerziell sind, wundert übrigens tatsächlich viele. Jeder denkt, wir wollen etwas verkaufen.

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