Ich wohne in Friedrichshain, nicht in Kreuzberg. Irgendwer hat die beiden Bezirke zusammengelegt zu Friedrichshain-Kreuzberg. Und alles so gelegt, dass sämtliche Ämter, die man so braucht in Kreuzberg sind.
"Kreuzberger Nächte sind lang" sangen die Gebrüder Blattschuß schon 1978 und heutzutage erfährt Kreuzberg einen hype, wie ihn davor Mitte und Prenzlauer Berg erfahren haben.
Kreuzberg zieht eine Menge individuelle Menschen an, die sich für so individuell halten, dass doch alle wieder gleich aussehen. Die Jungs sehen alle samt aus wie Jesus, haben, wenn sie noch Haare haben, verwuscheltes Haupthaar und einen Rauschebart, dass der Weihnachtsmann neidisch werden könnte, dazu gehen sie im Sommer gern mal Barfuß, in Chucks oder Flip-Flops. Sie sind meist leptosom und manche tragen als Accessoires Hund, Apple-Macbook oder Kind im Arm, dazu schieben sie ein altes verrostetes Fahrrad neben sich her. Eigentlich sehen sie genauso aus, wie die Interpreten des obengenannten Liedes.
Die Mädels sind meist brünett - aha, hier scheint man etwas gegen Blondinen zu haben - tragen einen Pixiehaarschnitt oder was undefinierbares um den Kopf gewickelt, sind tätowiert (Sternentätoo) und extrem gelassen. Leggins sind das einzige körperbetonende Kleidungsstück, dazu irgendwas in Oversize. Extrem Oversize. Nicht was man an hat darf so aussehen, als sei es neu. Alles muß versifft und ungewaschen aussehen.
Im Sommer trifft man sich im Club der Visionäre, der eigentlich in Treptow liegt oder im Görlitzer Park, kurz Görli genannt, der eigentlich nur aus einer zertretenen Rasenfläche besteht, und chillt. Man ist so extrem locker, dass es schon fast wieder verkrampft ist.
Peter Fox singt von "Szene-Schnösel auf verzweifelter Suche nach der Szene " und ich denke an die einzigen wahren Berliner in Kreuzberg, die wir Türken nennen. Ständig kriegt man zu hören, dass Kreuzberg der "place to be" sei und sieht, dass neue Appartments entstehen, mit Aufzug für die Edelkarossen, damit die nicht abbrennen.
Das SO36 soll geschlossen werden wegen Lärmbelästigung und wohl wegen neuer Nachbarn. Wenn man aus dem ruhigen Restdeutschland in die gemeine Großstadt zieht, dann kann es schon mal laut werden. Aber das verstehen die Leute nicht, die das gesamte Gebiet im S-Bahn-Ring zur Fußgängerzone machen wollen.
"Nach dem Hype ist vor dem Hype" steht in der Skalitzer Strasse an der Hauswand. Mir wurden dieses Jahr auch intensiv die Vorzüge von Kreuzberg nahe gelegt. Trotzdem mag ich mein Friedrichshain, auch wenn es nicht ganz den Kultstatus von Kreuzberg hat. Aber ist ein Trend nicht schon dann längst vorbei, wenn ihn jeder mitmachen will?
Im Barbie Deinhoff am Schlesischen Tor gibt es Astra und man trifft eine Menge Amerikaner, die aussehen wie Kreuzberger. Vielleicht sind es Erasmus-Studenten, oder sie leben schon eine ganze Weile hier. Man merkt ihnen an, dass sie hier ausleben, was sie zu Hause nicht können. Aber kommt deshalb nicht jeder nach Berlin und eben auch nach Kreuzberg? Um hier so zu sein, wie man es zu Hause nicht sein kann? So anders, dass hier das anders sein nicht mehr anders ist, sondern einem ein Gefühl von Dazugehörigkeit gibt? Sind wir in der Masse der Individuen nur mehr ein Dividiuum?
Bloc Party hat "Kreuzberg" als Titel für ihren Song auf dem Album "A Weekend in the City" gewählt. Sie singen von East Berlin, East-Side Gallery und Hauptbahnhof (der Ostbahnhof war der Hauptbahnhof der DDR), da kann man ihnen nur gratulieren, dass Friedrichshain und Kreuzberg eben zu einem Bezirk zusammen gefasst wurden, denn sonst lägen die Ortsangaben allesamt in Friedrichshain.
Natürlich mag ich Kreuzberg, auch wenn ich nicht da wohne, aber man muß ja nicht da wohnen wo jeder wohnt, außerdem kriegt man da nie einen Parkplatz. Ich lauf einfach über die Schillingbrücke an Mitte vorbei und bin dann fast bei Christiane. Das ist doch gute Nachbarschaft, zumal wir eh beide mehr nach Mitte aussehen als nach Friedrichshain-Kreuzberg. Aber das, ist ein anderes Thema.
Bezirkskombinations-Grüße
Paulinchen












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