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Mein Kiez: Neukölln
© Alina

Mein Kiez: Neukölln

Kreuzberger Klopftinnitus Als ich noch in Kreuzberg wohnte, waren mein Alptraum immer die Trommler. Die Trommler kamen bevorzugt abends, bevorzugt durch meine Straße und suchten sich bevorzugt den Platz im Görlitzer Park, der direkt am Ende meiner Straße lag: vermutlich wegen der Resonanz. Es ist nichts zu sagen gegen ein bisschen gut gemachte Musik. Ich mag auch Musik. Die Trommler aber, die wie viele Menschen, die ihre Instrumente mitnehmen können, auch mal gern zum Üben rausgingen, konnten vor allem eines: mir qua arhythmischem Geklopfe auf die Nerven gehen. Nichtsdestotrotz mochte ich Kreuzberg, denn man konnte toll frühstücken, toll weggehen, es war auf eine freundliche Art bunt, man war schnell an jedem denkbar relevanten Ort und für Menschen wie mich (mit Mädchenblase, aber Mädchentrinkgeboten im Kopf - 2,5 Liter Minimum!) war es (auch wegen der recht regenanfälligen Monate) schön, in 2 Minuten vom Großgarten in der Wohnung zu sein. Als auch die Dachterasse mit dem Wetter in Konflikt geriet und sich in einen Swimming Pool verwandelte, die Wände mehr braun als weiß und die Bücher an den Kanten wellig waren, kümmerte sich jemand um die Substanz und wir uns um den Umzugswagen. Ein Freund, dem ich davon erzählte schlug die Hände über dem Kopf zusammen: "Neukölln! Das wird man dir ansehen...!" Wie genau es mich verändern würde, behielt er für sich.

Spätschäden Nun lebe ich in Neukölln. Neukölln ist der Bezirk, der regelmäßig für Aufregung sorgt, weil er unkontrollierbar kriminell und unverbesserlich hässlich ist. In Artikeln über Neukölln lese ich, dass Neukölln grau ist, die Kinder schlecht erzogen, in den Kneipen grummlige Männer sitzen und vermutlich ist hier auch das Wetter schlechter als anderswo. Ich weiß nicht, ob das stimmt, weil ich mich mit dem Wetter nur beschäftige, wenn es ums Anziehen geht (oder es mich zum Umzug zwingt) und keine Statistiken lese. Ich wohne hier, und darüber kann ich was sagen.

Eine total subjektive Betrachtung aus dem ersten Stock Neukölln ist erstens billig. Das ist durchaus in vielen Punkten auch ein Geschmacksurteil, was vermutlich durch dutzende Schuhläden mit 10 Euro-Gummischuhen zustande kommt, aber ist vor allen Dingen ein Kommentar zur Mietsituation. Nicht umsonst wohnen jetzt fast alle hier, was vermutlich dazu führen wird, dass es sich bald wieder keiner mehr leisten kann.

Neukölln ist zweitens laut. Meinereiner wohnt zwischen den zwei Hauptverkehrsstraßen, in einem Baustellensandwich. Meine Tage beginnen um 6 Uhr mit dem ungnädigen Aufdrehen des Presslufhammers oder dem Aufschlagen abgeworfener Brocken Balkon, wahlweise zugeworfene Informationsbrocken der Bauarbeiter, die für Normalsterbliche eine absolut unverständliche Mischung aus Nuscheln und Schreien sind. All das ließe sich ignorieren, denn das Schlafzimmer geht nach hinten hinaus: auf einen an vier Häuser angrenzenden Hof. Dort sitzt unter anderem irgendein Miethilfeverein, was dazu führt, dass Menschen, die offenkundig Probleme haben, um 9 Uhr morgens mit einer Bierflasche den Weg zu meiner Haustür versperren, und eine Irre mir auf mein Klingeln öffnet und darum bittet, ich solle ihr vom Krieg erzählen, wenn er denn beginne. Desweiteren findet sich hier nun auch ein Nagelstudio. Blondierte Frauen stehen an die Hauswände gelehnt und debattieren über die Farben Veilchenblau und Lila, und rauchen zu viele Zigaretten mit kunstvoll angeklebten Plastegriffeln. Die Institution Nachbarschaftsverein ist hier groß, das Redebedürfnis auch. Wenn das eine dem anderen Abhilfe schafft, fantastisch. Meistens regen sich aber vor allem die auf, die nicht zum Nachbarschaftsverein gehen. Zum Beispiel über den Nachbarschaftsverein. Oder über die Nachbarn. Und weil es sehr laut ist, tun sie das sehr laut.

Baugerüste, Brüder und Benzin Der Tageskrach verebbt gegen Abend und wird fließend abgelöst von dutzenden Autos mit aufgedrehter Anlage, die von der einen Hauptverkehrsstraße auf die andere Hauptverkehrsstraße umgeleitet werden. Immer wieder rast ein Fetzen Mostafa Kamel oder George Wassouf um die Ecke und wird von der Baustelle nach 2 Sekunden wieder radikal abgeschnitten. Im Baugerüst verstecken sich jetzt arabische Jungs vor ihren großen Brüdern, die gerade Schulferien haben und ihre kleinen Schwestern an den Haaren ziehen, Passanten verarschen und Sirenen imitieren. Vielleicht hat einer von ihnen das riesige rote Herz auf den Gehsteig gemalt, auf das ich nun immer trete, wenn ich vom Einkaufen komme. Wenn ich von meinem, dank dichter Bäume, spärlich mit Sonne beschenkten Balkon nach Fahrraddieben Ausschau halte (die zielstrebig mein Fahrrad gefunden und geklaut haben) schaue ich auf jede Menge mit dem Bankrott kämpfende Trödelläden, umstellt von alten Elektroherden, folge den Gerüchen aus der deutsch-jamaikanischen Exklave neben mir, wo jemand laut die Prinzen hört. Jeden Tag.


Das andere Neukölln Neukölln bei Nacht ist eine andere Sache. Verirrt man sich nach 22 Uhr in die Weserstraße, kann man sich vor Kaffee und Schnaps kaum retten. Jedes zweite alte Schaufenster ist mittlerweile auch Bar oder Galerie, auf den Gehsteigen überschlägt sich ein Publikum, das in Mitte einkauft, das Wohnen dort aber nun doch zu teuer findet. Junge Künstler mit verschnittenem Haar und Opas Hut ziehen sich an ihren Hosenträgern durch die Straßenschlucht und trinken Astra eiskalt. Schade bloß, dass der Trend bisher ohne große Umwege vor allem die doch sehr lange Straße hinunterschwappt, und man abseits davon nach 22 Uhr hauptsächlich Internet, Döner, Shisha und Zigaretten bekommt.

Marx und Jehova im Betonkostüm, umstellt von glücklichen Pflanzen Tagsüber kann man dafür anderswo für 3 Euro Pizza Arbeitsamt bestellen, fantastisch leckere und vor allem gesunde libanesische Wickelspeisen essen und alte Kleider für wenig Geld kaufen. Alle Kaufhäuser, nach denen man in Kreuzberg vergeblich sucht, versammeln sich hier auf einer einzigen Straße (die dankbarerweise dann aber doch noch ein paar kleine Perückenläden und Cafés bereithält). In den Hauseingängen stehen gedrungene alte Frauen mit Plastikhäubchen und verteilen den Wachturm, verzweifelt schlecht bezahlte Aktivistinnen werben um Spenden für Tiere, während in der Mitte des Hofer Partnerschaftsplatzes Menschen an runden Tischen zünftige Wurst essen.

Und egal, ob nun am hippen Ende von Neukölln (kanalseitig) oder eben deep down mit Karl Marx: Man hat auf allen Seiten irgendeinen Park. Hasenheide und Flughafen sind sportliche 20 Minuten mit dem Rad, der Görlitzer Park genauso und dann hat Neukölln ja auch noch den Körni, dieses kleine verschlafene Grünquadrat, wo ein Freund von mir mal im Schnee mit einem Fuchs kommunziert haben will. Nachts konkurrieren hier hysterisch balzende Vögel, hinkende Hasen und knisternde Brottüten um die Ohren der Anwohner. Bäcker gibt es genug.

Neukölln ist sicher vieles, aber schön ist es nicht. Es ist irgendwie ein Mix aus Neon und abgeblättert, gleichzeitig urdeutsch und arabisch, diplomatisch gesagt: interessant. Es hat den Charme einer kaputten Katze, die man mag, weil sie sich selbst am Leben hält, und der man darum gelegentlich ein neues, leicht zu waschendes Fell überzieht (gern auch aus Beton und bestückt mit Reklame). Irgendwer bewundert Neukölln immer, und findet es ist ehrlicher hier. Fritz Apfel Holunder ist selten und wird von der Pannierstraße importiert. Und wenn ich jetzt eine CD mit Trommelmusik höre, dann führen die deutschen Nachbarn eine eintägige Hofinquisition. But whatever, ich bin jetzt hier. Irgendwas pflanzen, und hoffen, dass es ein schöner Anstrich wird, da an dem sehr laut abgerissenen Haus. 

Neukölln ist ja ganz nett und so, aber dein Kiez ist viel cooler?

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