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Mein Kiez: Prenzlauer Berg
Foto: bolfing.yama, Quelle Lizenz: Creative Commons (cc)
Kiez 3

Mein Kiez: Prenzlauer Berg

von Elke

Diesmal: Prenzlauer Berg.

Ich habe in Berlin schon in einigen Bezirken gewohnt. Aufgewachsen in Mariendoof – Verzeihung, Mariendorf! – zog es mich, sobald ich die Idylle meines Elternhauses verließ, zuerst in eine WG nach Mitte – zu einer Zeit, da man sich Mitte noch leisten konnte und es noch nicht todsaniert war – dann zu meinem Brüderchen nach Treptow, weiter in eine WG nach Friedrichshain und schließlich und endlich alleine in den Prenzlauer Berg. Allerdings ganz in den Norden vom Prenzlauer Berg. Dahin, wo damals keiner ziehen wollte, angrenzend an Pankow.

Für den Prenzlauer Berg und gegen den gerade ach so aufstrebenden Bezirk Friedrichshain sprachen für mich einige Argumente.

Kontra Friedrichshain: Berge von Hundekot, der Gestank danach, wenn es geregnet hatte, eine Hostel-Inflation, ständig kreischende Touri-Horden und die Anfänge der Pub-crawls.

Pro Prenzlauer Berg (zumindest da oben in Nord-Prenzlauer Berg): Ruhe, gute Verkehrsanbindungen zur Uni und zum Job bzw. den Jobs, Cafés und Kneipen in Laufweite und viele Freunde, die damals noch dort wohnten. Allerdings im teuren Teil und die deswegen später nach Kreuzberg oder Neukölln zogen.

Außerdem waren die Wohnungen in Nord-Prenzlauer Berg um einiges günstiger und irgendwie auch noch ein wenig abgerockter und nicht so kalt, schick und einheitlich saniert wie im Friedrichshain: abgezogene Dielen, weiße Wände, weiße Fliesen im Bad mit einer blauen, schwarzen oder – Achtung! Ganz verwegen! – orangenen Bordüre. Ganz exquisit wurde es dann bei Terrakotta! Ist ja so schön mediterran und das war damals schwer in! Nicht zu vergessen die Einbauküche. Scharen von Eltern, die ihre Kinder zum Studium in das böse Berlin nur schweren Herzens ziehen ließen, atmeten erleichtert auf. Die Wohnungen waren sauber und die Einbauküche der Ritterschlag, der die Eltern darauf hoffen ließ, das nun also im Friedrichshain alles in geordneten Bahnen verlaufen würde.
Seltsam also, dass gerade Prenzlauer Berg, das Negativ-Beispiel für Gentrifizierung stattdessen meine neue Heimat wurde.

Aber hier im Norden in der Nähe von Wisbyerstraße, Bornholmerstraße und Schönhauser Allee war und ist das tatsächlich ein wenig anders. Hier gibt es auch schon: Heizung, Bäder und Innen-WCs, aber gern auch mal auf Putz liegende Wasser- oder Stromleitungen. Apropos Stromleitungen! Gerne etwas veraltet, die nur eine geringe Spannung aushalten. Also nicht gleichzeitig Toaster, Geschirrspüler und ein Radio über ein und denselben Stromkreis laufen lassen, da fliegt die Sicherung raus (im günstigsten Fall) oder aber die Steckdose geht unter Qualm und Funken in die Knie und verschmilzt symbiotisch mit dem Geschirrspülstecker. Steckdosen-Sex in der Küche! Bäh! Alles schon da gewesen. Aber ich mag eben das kleine Abenteuer. Auch zuhause! Und auch wenn ich das in Zukunft gerne vermeide.

Bei mir gibt es noch Alt-Berliner Eckkneipen, Innausstatter mit muffigen Teppichen und Polstermöbeln, Bäcker, die noch selber backen, Schuster, alteingesessene Prenzl’ Berger und eine kunterbunte Mischung aus Studenten, Angestellten, Freiberuflern, Alkis, Arbeitslosen, Singles, Ehepaaren ohne Kinder und Klein- und Großfamilien.

Aber das ist nicht der Prenzlauer Berg, der in der Vorstellung der Leute existiert, wenn man vom P’Berg spricht. Dann wird’s nämlich ziemlich absurd. Während die einen fuchsteufelswild die Gentrifizierung des Prenzlauer Bergs als Exempel des Grauens verfluchen, loben ihn wieder andere ätherisch in die Lüfte. Doch ist das wirklich nur so Schwarz-Weiß zu sehen? Immerhin gibt es im Prenzlauer Berg ja auch Ecken, in denen eben doch noch die alten Bewohner mit der neuen Klientel friedlich nebeneinander wohnen, ohne das gleich grauenvolle Townhouses auf jedem freien Grundstück errichtet werden.

Vorher

Das Prenzlauer Berg, das für Aufregung sorgt, ist das rund um Kollwitzplatz, Wasserturm, südliche Prenzlauer Allee und Teile rund um Kastanienallee – auch liebevoll Castingallee genannt – und die Max-Schmeling-Halle. Da, wo sich einst Dutzende Underground-Clubs und Keller-Bars tummelten, und Künstler, Designer und Galeristen in abrissreifen Häusern arbeiteten, ausstellten, verkauften und nicht selten im hinteren Teil der Räumlichkeiten wohnten. Damals, als es noch vorwiegend Wohnungen mit Ofenheizung und Etagen-Toilette gab, ohne Dusche, oder Dusche in der Speisekammer oder in der Küche oder einfacher Waschmöglichkeit. Die Wohnungen waren unsaniert, spottbillig und ein Magnet für eine neu entstehende Berliner Avantgarde, die sich aus einheimischen und zugezogenen Künstlern und Kreativen formierte. Die Häuserfassaden waren braun, grau oder graubraun, Stuck und Gesimse zerbröckelten langsam oder waren abgeschlagen und die Balkone waren einsturzgefährdet oder demontiert. Es gab hier kleine Tante-Emma-Läden, Bäckereien mit Ostschrippen und zum ersten Mai wurde traditionell der Kaiser’s in der Winsstraße abgefackelt. Es war schön auf den zweiten Blick. Rau, knallhart und realistisch, aber durchaus mit einem verwunschenen Charme.
Das sprach sich herum, wurde schnell beliebt und immer mehr wollten in den günstigen Szenekiez ziehen. Langsam, aber unaufhörlich, stiegen die Mieten und da sich mit sanierten Häusern und Wohnungen mehr Geld verdienen ließ, wurden die ersten Häuser instandgesetzt. Das Wort Luxussanierung geisterte durch die Straßen und Wohnungsannoncen und lockte denn auch eine ganz neue, zahlungskräftige Klientel in den Prenzlauer Berg, die bald zum Lieblingsziel der Makler und Vermieter erklärt wurde.

Nachher

Die Folge davon? Das, was einst den Prenzlauer Berg ausmachte, ist längst in andere Bezirke abgewandert, wurde geschlossen und/oder äußerlich einer „Schönheitskur“ unterzogen.
Heute ist der Bezirk vor allem in den vorhergenannten Gegenden einfach schön, langweilig, steril und eher für Leute interessant, die eine Wohnung in einem Kiez suchen, der einen selbstgefälligen Kleinstadtcharme versprüht. Denn im Prenzlauer Berg ist man sich selbst genug. Man will unter sich bleiben. Am Liebsten. Wenn das nicht geht, werden etablierte, alteingesessene Clubs wie das Icon einfach raus geklagt. So einfach ist das.
Da, wo die Häuserfronten reihenhausgleich mit der schönsten Fassade um die Gunst zukünftiger Mieter und noch häufiger Käufer buhlen, grenzt man sich gerne über Statussymbole vom gemeinen, übrig gebliebenen Prenzl’ Berger ab. Nicht nur durch Autos und die Wohnung im Townhouse oder Carloft wird klar gemacht zu welcher Schicht man gehört. Nein, auch die Wahl des Kinderwagens und der Kinderbekleidung wird bei anderen mit Argusaugen betrachtet und argwöhnisch gemustert. Die Zahl der Bioläden, Bio-Cafés, Kinderausstatter, Kinder-Cafés… ist exponentiell in die Höhe geschossen und wie in New York werden die lieben Kleinen schon früh zu irgendwelchen Fremdsprachen- oder Motorik-Kursen geschickt. Das nichts dem Zufall überlassen wird und die Wahl des Kindergartens und der Schule generalstabsmäßig geplant wird, ist selbstverständlich. Wer da nicht mitmacht, ist schnell außen vor.
Natürlich ist daran gar nichts auszusetzen, wenn man nur das Beste für die Kinder will! Wenn man aber im Rückschlussverfahren über Familien, die sich das nicht leisten können oder kein High-End-Modell eines Kinderwagens wollen, die Nase rümpft und diese meidet, finde ich das doch mehr als fragwürdig. Das ist uncharmant, hochnäsig, dumm und pietätlos. Genauso gesichtslos wie die gesichtslosen Häuser, die sie bewohnen.

Wegen all dieser Gründe gilt  Prenzlauer Berg als das Paradebeispiel Berlins für oder vor allem gegen die fortschleichende Gentrifizierung. Zu Recht! Leider! Und irgendwie ist diese Schwarz-Weiß-Malerei auch durchaus berechtigt.
Aber es gibt sie auch im Prenzl’ Berg noch: die kleinen, feinen Ecken. Man muss nur wissen wo, wie zum Beispiel im Norden.

Fotos

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Kommentare

lill
lill - 12.09.2011 - 14:40
als ureinwohner ziehe ich schon aus trotz nicht weg! ich wohne mittlerweile auch im nördlichen prenzlberg, wo sich bisher nur wenig touris und leute mit dickem portemonaie hin verirren. es gibt ecken, an denen ich mich mittlerweile ziemlich unwohl weil fehl am platz fühle, aber-wie schon geschrieben- eben auch noch ecken, an denen das heimatherz pocht. parentshill hin oder her- im fhain hat man die jüngeren, nicht gerade geräuscharmen touris und überschwengliche junge neuberliner, in kreuzberg ebenfalls touristenströme, in mitte die hipster. auch nich allet immer dufte. aber so ist berlin eben, immer am rotieren und nach der wende erst recht. mit all seinen vor- und nachteilen.
Harry76 - 25.08.2011 - 10:53
Ich finde Prenzlauer Berg immer noch als den schönsten Stadtteil. Klar gibt es in einem aufstrebenden Stadtteil auch zunehmend Snobs wie man sie aus München kennt, trotzdem hält es sich noch sehr in Grenzen. Und auch andere Seiten im Netz (Quelle: wohnungssucheberlin.org ) lassen unseren Stadtteil wie ich finde sehr gut wegkommen. Zurecht. Das einzige was mich stört, dass unser Fotoautomat inzwischen zunehmend von lautstarken Touristen belagert wird :-D Aber einfach Fenster zu und gut ist :D
Gast (nicht überprüft) - 24.08.2010 - 22:29
Jetzt fühl ich mich als jemand der seit 26 Jahren in berlin wohnt, und das momentan Höhe Kastanienallee aber schon etwas beleidigt. Ja, es gibt die nervenden Überposer (meist leider wirklich nicht aus Berlin, sondern aus dem schönen Süden, sorry Leute:) aber es gibt hier noch immer viele ganz normale und nette Leute...von daher ist es vielleicht doch ein bisschen zuviel schwarz-weiß.

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