Unterwegs zu den Berliner Weinbergen
Was für den Besucher aus dem Südwesten Deutschlands belustigend klingen mag, hat eine fast 800jährige Tradition: Der Weinbau in und um Berlin ist so alt wie die Stadt selbst. Im 12. Jahrhundert brachten Mönche Rebstöcke in die Mark Brandenburg. Damals herrschten wohl genauso gute klimatische Bedingungen wie heute. Im 18. Jahrhundert wurden die Sommer aber kälter und die Winter frostiger – das Ende des Weinbaus in der Region. Es stand wohl schon so schlimm um den Geschmack, dass die mangelnde Qualität des Berliner Weins sich damals in einem Sprichwort manifestierte: „Wein aus märkischer Pflege, geht durch die Kehle wie eine Säge“.
h4: Renaissance des Weins durch die Hausbesetzerszene
Erst im Jahr 1968 kehrte die alte Weinbau-Tradition nach Berlin zurück. Am Südhang des 66 Meter hohen Kreuzberges wurden Reben angepflanzt. Bis heute wird hier Spätburgunder und der über die Stadtgrenzen hinaus bekannte „Kreuz-Neroberger“, der in Wiesbaden gekeltert wird, an Gäste Kreuzbergs verschenkt. In der Tat kann Berliner Wein nur verschenkt werden, denn die Region ist offiziell nicht als Weinbaugebiet ausgewiesen, d.h. juristisch gesehen ist in Berlin angebauter Wein kein „Deutscher Wein“, zumindest keiner, der kommerziell vertrieben werden darf – das Schenken und das Überreichen gegen eine Spende ist hingegen erlaubt.
h4: In Berlin wird sogar Weinbau unterrichtet
Nicht nur am Kreuzberg wird Wein angebaut. Im Stadtgebiet gibt es etwa zehn nennenswerte Weinberge, verteilt über sechs Bezirke, mit etwa 1.500 Reben von 30 unterschiedlichen Sorten. Auch einen Winzerverein gibt es, in dem sich Berlins Kleingärtner und Hobbywinzer austauschen können. Den Weinbau kann man in Berlin auch erlernen: An der Max-Laue-Oberschule Lichterfelde (seit 2003), der Carl-Legien-Oberschule Rixdorf (seit 1973) und der Gartenarbeitsschule Schöneberg gibt es ein Schulfach Weinbau und sogar einen kleinen Lehr-Weinberg. Sommeliers behaupten, dass die Schüler ausgezeichneten Wein herstellen. Dennoch wachen wohl die Lehrer streng darüber, dass die Schüler ihn nicht im Unterricht verkosten.
h4: Die Stadt baut ihren Wein selbst an
Aber auch von offizieller Stelle wird in Berlin Wein angebaut – die südwestdeutschen Partnerstädte schenkten den Berliner Bezirken in den vergangenen Jahrzehnten Weinreben und boten an, das Keltern zu übernehmen - angebaut wird aber in Berlin. Überwacht wird das Weinbaugeschehen durch das Landes-Weinkontrollamt, Teil der Lebensmittelaufsicht im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Berliner Weinberge befinden sich oft eingezwängt und versteckt zwischen anderen Einrichtungen. Wir verraten Ihnen aber, wo Sie diese Orte in Berlin finden.
h4: Entdecken Sie die Berliner Weinberge
- Am Wilmersdorfer Stadion direkt neben der Leichtathletikbahn stehen auf 250 m² Anbaufläche 100 Rebstöcke der „Wilmersdorfer Rheingauperle“, ein Weißer Riesling. Die Reben wurden im Jahre 2002 vom Partnerkreis Rheingau-Taunus geschenkt. Weinbau hat in Wilmersdorf Tradition: Anlässlich der Woche des Deutschen Weines im Jahre 1970 schenkte die Stadt Wiesbaden dem Bezirk Wilmersdorf mehrere hundert Reben. Der erste Wilmersdorfer Weinberg wurde feierlich in Beisein der deutschen Weinkönigin am Teufelsberg eröffnet. Bis 1984 baute man auf dem Südhang von Berlins größtem Trümmerberg das „Wilmersdorfer Teufelströpfchen“ an. Zu diesem im Wald versteckten, nicht mehr genutzten, langsam verrotteten Weinberg werden Führungen angeboten.
- Am Tempelhofer Antennenberg (Colditzbrücke) wurde von 1999 bis 2006 Wein angebaut, dann suchte man neue größere Anbauflächen. Sogar das Rollfeld des ehemaligen Flughafen Tempelhofs war als Fläche für den Weinbau kurzzeitig im Gespräch.
- Im Volkspark Prenzlauer Berg wird, u.a. als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme des JobCenters, Berliner Riesling angebaut (600 Liter werden jährlich produziert). Zudem gibt es einen Schauweingarten am Wasserturm Prenzlauer Berg, über den die Berliner Winzer auch fachkundige Führungen anbieten. Im Mittelalter waren die Südhänge des Prenzlauer Berges bevorzugtes Weinbaugebiet – 96 bewirtschaftete Rebhänge gab es im damals noch überschaubaren Stadtgebiet. Noch heute zeugt z.B. der Name des Weinbergspark am Rosenthaler Platz von der einstigen Nutzung des Prenzlbergs.
- Am Humboldthain im Bezirk Wedding werden Reben angebaut, aus denen der Berliner Hauptstadt-Sekt gekeltert wird.
- Im Bezirk Neukölln, unweit des Britzer Gartens, werden in der Kleingartenkolonie „Guter Wille“ Weinreben angepflanzt (bald sollen es 1000 Pflanzen sein). Ein Winzer aus Moldawien versucht hier sein Glück, mit Ausnahmegenehmigungen in Berlin den kommerziellen Weinbau zu etablieren. Er bietet auch zwei mehrstündige Fahrradtouren durch Berlin zum Thema Weinbau an.












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