Wir unterhalten uns auf französisch, Moez und ich, denn mein Arabisch ist miserabel, und für die komplizierten Fragen reicht das Deutsche noch nicht aus. Seit 6 Monaten ist Moez in Deutschland, er sitzt neben mir am Billiardtisch, trinkt Kaffee und raucht, während unten auf dem Fernseher der kleinen Bar, in die er immer geht, der Nachbar Algerien sein erstes WM-Spiel verliert. Neben ihm auf dem Tisch liegt aufgeschlagen ein schwarz eingebundenes, ein liniertes, dickseitiges Heft, darin notiert er sich Wörter, lässt sich von Deutschmuttersprachlern Verben konjugieren und Worte schenken, Übersetzungen aus dem Französischen. Moez ist keinesfalls ein ruhiger Mensch, im Gegenteil, er provoziert und stellt gerne fest, er mag es, Dinge mit dem Zeigefinger zu unterstreichen. Er zeigt mir seine Venen, über beide Arme, die Hände, schnelles Blut, immer in Bewegung muss er sein, dem Innen Ausdruck verleihen durch große Gesten.
Moez ist Entertainer.
Das ist keine Zuschreibung, das ist ein Fakt. Er erzählt, wie er als Kind aus umgedrehten Büchern vorlas, um seine Eltern zu foppen und dafür Prügel bekam, er lacht darüber, das jüngste von acht Kindern, dann erzählt er weiter, von der Zeit als Sänger in der besten Jugend-Equipe Tunesiens. Er ist auch hier der Jüngste, als er mit 14 die Schule abbricht, um in ganz Tunesien religiöse Stücke zu singen, auf Wettbewerben in großen Moscheen, bis sie ihren Preis bekamen und ein neuer Präsident die eine Hälfte der Gruppe inhaftierte, weil ihm die Sache mit der Musik nicht so gut gefiel. Daraufhin fing Moez an, sich für Frauen und Drogen zu interessieren und ließ die Religion zurück. Er zog fort von Tunis, in einen Touristikort in der Nähe - was nicht schwer war, denn Tunesien lebt vom Tourismus - und wurde Animateur in einem Hotel, dessen Grundriss er mit festen Kugelschreiberstrichen zeichnet. "Der Job als Animateur ist anstrengend. Du musst immer konzentriert sein, immer lächeln, aktiv sein, motivierend." Er unterhielt Leute, machte Sketche auf einer kleinen Bühne im Hauptsaal, leitete die Gruppentänze ein, trank mit den Gästen und unterhielt sich über Städte, weit weg, die er noch nicht gesehen hatte. Tagsüber kümmerte er sich um alles, betreute Gäste oder arbeitete im Hotel und begleitete Fahrten. Manche Touristen ließen ihre Nummern und wollten sich besuchen lassen. Manche hat er in Deutschland wiedergetroffen, die meisten nie wieder gesehen. "Einer ist heute mein Nachbar, wir wohnen 5 Minuten von einander entfernt." Ich vergesse ihn zu fragen, wie das ist, wenn die Menschen plötzlich einen Alltag haben.
Wenn Moez von der Zukunft erzählt, erzählt er von einer CD-Produktion, einem Besuch in Lyon, von einem deutschen Pass. Moez ist ein guter Trommler, ein energischer Billiardspieler, vor allem ein Redner. Darum auch seltsam, dass in seinem ersten Film nur seine Augen eine Rolle spielen, die Augen eines Pädophilen, der einen Jungen beobachtet. Die Dreharbeiten haben ihn schwer beeindruckt, vor allem der Schnitt, die Verbindung verschiedener Ereignisse zu einer Geschichte. "Man schaut auf einen Punkt und stellt sich vor, da wäre jemand und wenn der Film fertig ist, ist da wirklich plötzlich jemand." Auch das möchte er gerne weitermachen. Vom alten Leben bleiben die Effekte, die Show. Moez stürmt an den Billiardtisch, zielt auf die 4, sagt "Die ist für dich, schau genau hin, NUR für dich, schau!", stößt daneben, und biegt sich vor Lachen.












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