Tango Vicioso Ich fröne einer neuen Leidenschaft. Meine alte hat mich dorthin geführt. Als ich an diesem ersten Mittwoch im Monat den alten Gründerzeitsaal betrete, nimmt mich die Atmosphäre sofort ein. Der Saal ist in dunkles Licht getaucht, eine Spiegelkugel wirft unwirkliche Reflektionen auf die Schaulustigen, die sich um die Tanzfläche versammelt haben und auf die Tänzer, die sich langsam durch den Saal bewegen. Die Musik ist laut und sanft zu gleich, sie ist verrucht – es ist Tango Argentino.
Noch während ich unschlüssig im Eingang stehe, werde ich mit den Worten: Du kommst zu spät, begrüßt. Ich weiß und gehe erst mal an die Bar und bereue nun doch fast ohne Tanzpartner hierher gekommen zu sein und nutze die Gelegenheit mich umzuschauen.
Tango Argentino hat immer eine gewisse Melancholie, die Musik ist schwer, fast depressiv, voller Sehnsucht und doch Stärke. Die Paare bewegen sich wie in Trance über die Tanzfläche. Sie folgt ihm, er bestimmt. Es ist, wie immer beim Tanzen, das der Herr die Dame bestimmt, doch hier ist die Dominanz umso präsenter. Der Kopf der Partnerin ruht fast auf seiner Schulter, er deutet ihr an, wie sie sich zu bewegen hat, solch ein Einklang kann nur mit einseitiger Aufteilung von Macht geschehen. Die Frau ist entmachtet und der Herr bestimmt das Handeln. Die Musik hat mich eingenommen und ich will mich bewegen. Tango Argentino hat jedoch seine eigenen Regeln. Beim Europäischen Tanz reicht der Herr (fast plump) der Dame die Hand und fordert sie zum Tanzen auf. Die Südamerikaner sind dort leidenschaftlicher. Der Herr erscheint im Blickfeld der Dame und wendet sie sich ab, versucht er sein Glück bei einer anderen, erwidert sie seinen Blick, dann ist sie bereit sich auf den Tanz einzulassen.
Ich schaue dem Tangolehrer und seiner Tanguera zu, als mich der Mann zu meiner Rechten anspricht. Eine einsame Frau bleibt an keiner Bar der Welt lang allein. Rudi ist fast 65 und der einzige Nichttänzer auf der ganzen Veranstaltung. Zu dumm, trotzdem lasse ich mich von ihm zu einem Glas Sekt einladen. Damit ist bewiesen, dass sich meine Zielgruppe als Drink Whore auf die 60+ Generation beschränkt. Na dann Prost!
Nach dem ersten halben Glas werde ich vom Tangolehrer aufgefordert. Eine Abwechslung, ich bin ja schließlich zum Tanzen hier. An dieser Stelle sollte ich anmerken, dass ich mit 17 einmal eine Probestunde Tango Argentino hatte – danach nie wieder. Mit anderen Worten: ich kann das gar nicht. Aber dadurch, dass ich ziemlich lang und recht erfolglos Turnier- und diverse andere Tanzarten getanzt habe, kann ich mich ganz gut führen lassen. Und wie gesagt, ich gebe meine Macht ab, und lasse mich auf den Tanz ein und darauf geführt zu werden. Der Herr kann mit einem machen, was er will.
Ich bin an diesem Abend gefesselt von Musik und Tanz, von der Bewegung, die dann doch durch und durch geht, ich meinen Körper wieder spüre, wie schon lang nicht mehr. Ich vermisse Tanzen sehr, das wird mir wieder klar. Es gab Zeiten in meinem Leben, da konnte ich gar nicht ohne. Nun, seit ein paar Jahren leider zwangsweise und ich weiß, wie sehr es mir fehlt. Den ersten Mittwoch im Monat habe ich nun fest in meinem Terminkalender eingeplant. Ich muss, ich kann nicht anders, es ist eine Sucht – es ist mein Fetisch.












Kommentare