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Volksfeste der Welt vereinigt Euch!
Bierfest 2011
Artikel

Volksfeste der Welt vereinigt Euch!

Panische Blicke tauschen die Bewohner der Karl-Marx- und Frankfurter-Allee an drei Tagen im August aus, wenn fleißige Budenbauer ihr Buden wieder aufbauen. Drei Tage im Jahr sind die Anwohner zwischen Strausberger Platz und Frankfurter Tor dem Biertrinkenden Pöbel der Gesellschaft ausgesetzt.
An drei Tagen im Jahr findet das Bierfest statt. Wer kann, der flieht aus der Stadt, wie Michael Nast, oder mietet sich bei Bekannten im Westteil der Stadt ein.
Das Bierfest ist eine apokalyptische Vereinigung zwischen Maschseefest, Altstadtfest, Schützenfest und Pfingstmarkt in Neukloster. An drei Tagen wird hier gesoffen, gekotzt, gegrölt und gefressen.

So versucht man nun als Anwohner das Haus nur durch den Hintereingang zu verlassen oder sich mit Wasser, Knäckebrot und Ohropax im Haus zu verschanzen. Alle Fenster sollten geschlossen sein, sogar ich als Frischluftfanatiker mache dann mal das Fenster im Wohnzimmer zu und auch die Katzen schlafen während der Zeit freiwillig nur im Schlafzimmer, weil wie jedes Jahr der Schlagerstand gleich vorn am Strausberger Platz steht. So geht das Gegröle dann am späten Vormittag los, wenn massenhaft junge Männer mit aufgeschwemmten Bäuchen und Gesichtern wankend zur Biermeile eilen.
Der Schlagerstand hat dieses Jahr auch Volksmusik und Karaoke im Repertoire und so erfreue ich mich einmal Im Jahr der Berliner Spießigkeit, wenn um 22 Uhr alle Anlagen ausgemacht werden müssen und wieder Ruhe herrscht und die Kakophonie, die vom Platz her dringt mit einem mal abrupt abbricht. Man atmet erleichtert auf. So auch gestern, bis irgend so ein Arsch eine Trompete zückt und noch bis zwei Uhr morgens sich einen trompetet. Gut, dass ich eh Schlafstörungen habe, dachte ich mir und zog so heute bewaffnet mit der Kamera los um zum ersten Mal in meinem Berlin-Leben und sonst auch generell das Bierfest zu betreten. Patrick war einmal hier, weil er von der Arbeit kam und Hunger hatte. Er kam genau 200 m weit au seiner Suche nach einer Bratwurst, bis er als Zeugen Jehova beschimpft wurde. Lag an seinem Anzug und vielleicht auch am Namensschild.
Um die Beschimpfungen nicht zu hören, setzte ich mir meine neuen tollen Sony-Kopfhörer auf. Das sind so richtige Kopfhörer mit Bügeln, also nix, was man sich ins schmalzige Ohr steckt, sondern etwas, was man sich auf den Kopf setzt und dann total aussieht wie ein professioneller Musikhörer.
Leider denken manche Bierfestbesucher beim Anblick meiner Kamera und meinen Kopfhörern ich sei Kameramann und Tonfrau in einem und winken fanatisch in mein Gesicht. So dauert es 7:30 Minuten bis alle meine Klischees erfüllt sind und ich richtig schlechte Laune habe, dabei wollte ich doch nur das T-Shirt mit dem Aufdruck: Wer Bier trinkt unterstützt die Landwirtschaft mit Tiefenschärfe und so fotografieren. Narf.

Ich finde ja, Bier verdirbt den Charakter, genauso wie Fußball, welche ja beide oft im Duett auftreten. Mir kommen massenweise Gruppen entgegen, die Mannschafts-T-Shirts tragen: Kegelverein aus Gelsenkirchen; Landfrauen Buxtehude oder freiwillige Feuerwehr Poppenbüttel. Die, die hier aus Berlin kommen, sind entweder Erasmusstudenten oder anwohnende Alkoholiker. Bei den letzten beiden Gruppen gehe ich davon aus, dass sie schlechtes deutsche Liedgut wie: Mexiko - Finger in'n Po nicht, bzw. nicht mehr erkennen, die anderen singen begeistert mit und ich schäme mich für das ehemalige Volk der Dichter und Denker, das nun, kaum ist es in den Genuss von Gerstensaft gekommen, nur noch unrhythmisch schunkeln und grölen kann.

 

Mehr Fotos gibt es hier. Nein, ich finde das hier nicht schön, liegt aber auch dran, dass ich allgemein Volksfeste sehr beängstigend finde, so geriet ich auf dem Berliner Gauklerfest beim Anblick eines Menschen in Nashornkostüm in leichte Panik, aber das ist eine andere Geschichte. Ich bin auf jedenfall auf der anderen Seite nach Hause gegangen.

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