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Wie sicher sind Berlins U-Bahnhöfe?
U-Bahnhof "Hallesches Tor" (Foto: Fritze)
Artikel

Wie sicher sind Berlins U-Bahnhöfe?

von Fritze

Wenn ich auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz auf die Linie 8 warte, dann bin ich völlig entspannt. Was kann mir schon passieren? Nur 362 Einsätze gab es hier im vergangenen Jahr - darunter 79-mal Anzeigen wegen Körperverletzungen. Glaubt man der Statistik, dann wurden im Jahr 2010 auf Berlins U-Bahnhöfen weniger Fahrgäste verprügelt oder zusammengetreten als 2009. Insgesamt wurden 7472 Straftaten registriert. Etwa 900 Millionen Fahrgäste zählte die BVG. Die Zahl der Opfer von Gewalttaten sei rückläufig, sagt die Chefin der BVG, Sigrid Nikutta. (8 bp [basis point/ permyriad] = 8 hoch minus 4 = 800 ppm = Teile pro Zehntausend) Eigentlich ein sehr kleines Restrisiko. Die Wahrscheinlichkeit ist noch geringer als der Sechser im Lotto. Nur, dass diese Möglichkeit auf dem U-Bahnhof für den Betroffenen tödlich sein kann. Das ist der Unterschied.

Für die BVG-Kunden, die krankenhausreif geprügelt werden, ist der Hinweis der Verantwortlichen auf die Statistik reinster Zynismus. Vielleicht haben sie die Statistik selber schön gefärbt. Wie wird doch schon Sir Winston Churchill kolportiert:“ Ich glaube nur den Statistiken, die ich auch selber gefälscht habe.“

Im Berliner Senat freut man sich darüber, dass immer mehr Touristen die Stadt in einem Atemzug mit London, Paris und New York nennen. Den hiesigen Politikern gehen die Vergleiche runter wie Öl. Nur spricht es sich inzwischen auch herum, dass die Berliner U-Bahnhöfe so unsicher sind wie die New Yorker U-Bahn bis zum Ende der 1980er Jahren. Die Fahrt mit der NYCity Subway war damals ein Sicherheitsrisiko. Heute fahren selbst deutsche Touristen gern mit dem schnellsten Verkehrsmittel der Stadt.

Ich schlage dem Regierenden Wowereit und der BVG-Chefin Nikutta vor, die vergleichbaren Weltstädte zu besuchen und dort mit der NYC Subway, der Pariser Metro und der Londoner Underground zu fahren. Dabei werden sie feststellen, dass sie nicht einmal den Bahnsteig erreichen, wenn sie nicht vorher eine Fahrkarte gelöst haben. Drehkreuze, Schleusen, Schiebetüren und ähnliche geschlossenene Systeme versperren den Weg ins Innere zu den Bahnsteigen und Gleisanlagen. Erst wenn ein gültiger Fahrausweis im Lesegerät an der Schranke erkannt wird, geht es weiter. Betreten erlaubt – nur für Reisende. Die Sperren hindern von vornherein Leute am Betreten, die nur mal gucken, herumlungern, ihren Frust abreagieren oder ihren Rausch ausschlafen wollen. Mehr Sicherheit durch Abtrennung.

Die beiden prominenten Berliner könnten ja anschließend ihre Erfahrungen in den jeweiligen Rathäusern austauschen und fragen, welche Gründe es gibt, warum dieses Konzept eingeführt und bis heute beibehalten wurde. Die Absperrungen verhindern keine Straftaten. Das ist eine Binsenweisheit, wie der beliebteste Spruch im Berliner Rathaus, dass es keine absolute Sicherheit geben kann. Und dann kommt das Totschlagargument des Regierenden Bürgermeisters Wowereit: „Ein Mehr an Sicherheit ist nicht zum Nulltarif zu haben.“
Woher aber kommen plötzlich die 30 Mio. Euro für die viel zu geringe Polizeireserve? Wahlkampf? Plus 10 Mio. Euro zusätzlich pro Jahr?

Bislang wurde die Zugangskontrolle auf den Berliner U-Bahnhöfen immer nur von dem Standpunkt aus betrachtet, wie man die Zahl der Schwarzfahrer senken könne. In der heutigen Debatte, wo es um unsere  S i c h e r h e i t  auf den Bahnhöfen geht, ist die steigende Zahl bezahlter Fahrscheine ein Nebeneffekt. Wahrscheinlich rechnet uns jetzt ein Bürokrat vor, was ein solcher Umbau mit Sicherheitsschleusen kosten wird? Und die Statistiker rechnen uns vor, dass die Wirkung minimal sei. Dann sollte man diesen Bedenkenträgern für ein paar Wochen die Dienstwagen wegnehmen und sie mit der U-Bahn fahren lassen. So erfahren sie wie die Gefahr objektiv gesunken ist, aber dennoch auf den 173 Berliner U-Bahnhöfen das Gefühl der Gefahr subjektiv steigt.

Berlins U-Bahnen brauchen seit 1910 nicht nur neue Gleise, sondern seit 1990 auch neue Sicherheitskonzepte. Mit neuem Personal kann das jahrelange Kaputtsparen im Dienstleistungsbereich nicht kompensiert werden. Die Idee der Grundversorgung durch Bereitstellung öffentlicher Verkehrsmittel wurde der Profitidee des Cross-Border-Leasing (48% der U-Bahnen gehören einem US-Investor) geopfert. Grundsätzlich muss der Fahrgast wieder in den Mittelpunkt der Konzepte gerückt werden, nicht der Profit. Das Gerede von mehr Sicherheit ist zum Argument im Wahlkampf verkommen. Bei der BVG schlägt die Stunde der Wahrheit. Und hätte man ein Sicherheitssystem wie in anderen Metropolen, der internationale Spott über die Berliner Polizei könnte ausbleiben.

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