Jean Genet Berlin Von einem Autor auf sein Werk zu schließen, ist als literaturwissenschaftliche Methode nicht gerade gern gesehen, bei Jean Genet liegt der Kurzschluss allerdings nahe, denn Werk und Autor schienen eine kämpferische Einheit zu sein, kontinuierlich am Rand der Gesellschaft entlangpflügend, ohne Rücksicht auf sich selbst. Da ist auf der einen Seite das Waisenkind Genet, ohne Vater aufgewachsen, von der Mutter fortgegeben, das in frühster Kindheit seine Homosexualität bemerkt und so schon von Kindheit an in Konflikt mit allem geriet, was die Gesellschaft im Frankreich der 20er Jahre für gängig und schicklich hielt. In seiner Biografie trat er in den Rollen eines Diebs, als Landarbeiter, Insasse von Besserungskolonien auf, bewegte sich unter den Ausgestoßenen der damaligen Zeit, weiterhin irgendwie am Rand entlang. Er prostituierte sich, um auf seinen Reisen zu überleben, schrieb und verlebte Jahre seines Lebens im Gefängnis, weil er mit allem, was er tat an die Norm geriet.
Und dann ist auf der anderen Seite sein beachtliches Werk, das immer auch Zeugnis ablegt, Theaterstücke wie Les Nègres, Romane wie Notre-Dame-des-Fleurs, eine Sammlung Essays, Gedichte, aber auch Filme, Pamphlete, Protestmessen und Prosatexte über die Figuren von eben diesem Rand. Nach Reisen durch Nordafrika, einer Zeit in der Armee, nach der Begegnung mit verschiedenen Kulturen und Weltvorstellungen, über 10 Gefängnisaufenthalten wegen nichtiger Dinge wie Buchdiebstählen, starb Jean Genet, der sein Leben lang laut war, 1986 in seiner Geburtstadt Paris an Kehlkopfkrebs. Geblieben sind seine starken, provokativen Texte, die direkt und unversöhnlich mit dem Finger auf die Tabus und den Ekel seiner Zeitgenossen zeigten. Er verhöhnte das Normale, verherrlichte die Gewalt einer RAF, trat für die damals im Konsens recht unterrepräsentierte palästinensische Seite ein, gab den Migranten, und denen die niemand hörte eine Stimme.
Er machte sich nicht gerade beliebt, aber das schien ihn nicht zu kümmern, und gerade dieser widerständige Geist ist es, der sich bis heute erhalten hat. Nun widmet das Schwule Museum Berlin diesem starken, wilden Franzosen eine Ausstellung, die ihn endlich wieder ins Bewusstsein zurückholt. Gezeigt werden auch Filme von Genet, Zusammenarbeiten mit anderen großen Geistern seiner Zeit und viel Material, das ihn uns so lebendig werden lässt, wie er es durch seine Literatur ohnehin noch ist.
täglich außer dienstags 14 - 18 Uhr, samstags bis 19 Uhr
Hier gibts einen kurzen Film zur Ausstellung.



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