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Parallels
Veranstaltung - Samstag, 17. Februar 2018 (ganztägig) - Samstag, 21. April 2018 (ganztägig)

Parallels

ŻAK | BRANICKA ist hocherfreut, die neue Ausstellung Parallels von Paweł Książek vorzustellen.

In der jüngsten Bilderserie Parallels (Parallelen) entwickelt Paweł Książek seine bisherige künstlerische Suche weiter, die bislang auf analytischen Studien zur Ästhetik der Avantgarde und der Untersuchung des gegenseitigen Verhältnisses zwischen dem menschlichen Körper und Objekten im Raum, zwischen der Natur und Kultur und zwischen Konstruktion und Dekonstruktion beruhte. Nimmt man das Schaffen von Lygia Clark und vor allem ihre berühmte Skulpturenserie Bichos (Wesen) aus den 1960er Jahren als Ausgangspunkt, so zeigt sich, dass der Künstler unsere Aufmerksamkeit auf das Problem der Korrelationen zwischen dem künstlerischen Schaffensprozess und der Entstehung unterschiedlicher Phänomene in der natürlichen Umwelt lenkt. Er vervollständigt und entwickelt damit Aspekte, die bereits in früheren malerischen Arbeiten aus der Serie Sculptures (Skulpturen, 2012-2015) und Figures (Figuren, 2013-2015) angedeutet waren. In beiden dieser Bilderserien zeigten die Darstellungen von Objekten und Körperteilen, Frauenportraits und Mannequins eine alternative Welt im Grenzbereich zwischen Realität und filmischer Fiktion, wobei Dinge geradezu körperlich, menschliche Gestalten hingegen skulpturenhaft wirken. Die in Parallels dargestellten körperlich-skulpturenhaften und figurativ-abstrakten Hybride sind die titelgebende Zusammenstellung von Objektkörpern und Phänomenen mit vergleichbaren Eigenschaften. Die Parallels sind eine Synthese und Montage, eine gleichzeitige Erzählung und ein simultanes Spiel mit der Darstellungsanordnung und Abstraktion. Im Wesentlichen ist es eine evolutionäre Folgeerscheinung der künstlerischen Suche in Bereichen der Transformation eines Objektes zum Subjekt und eines Subjektes zum Objekt. Und auch wenn den früheren Serien die historische Avantgarde zu Grunde lag, so scheint die jüngste Serie eher aus dem Geiste und der Experimentalsphäre des brasilianischen Modernismus der 1960er Jahre zu schöpfen – aus der Evolution der Ästhetik der historischen Avantgarde.

Das Schaffen von Lygia Clark gilt in vielen Kreisen als klare Fortsetzung avantgardistischer Betrachtungen zur Bildhauerei. Schon in den 1930er Jahren ist die polnische Künstlerin Katarzyna Kobro auf die uneingeschränkte Zusammengehörigkeit von Skulptur und Raum als räumlich-zeitliches Phänomen aufmerksam geworden und betonte dabei die Bedeutung des Kunstwerks für den Aufbau fortschrittlicher Formen sozialer Organisation. Auch wenn nicht bekannt ist, inwiefern Clark das Schaffen von Kobro vertraut war, so kann man in der Serie Bichos (1960) doch ein fernes Echo ihrer Erwägungen und vor allem eine deutliche Ausführung ihrer Gedanken vernehmen. In der besagten Serie hat die brasilianische Künstlerin ihre künstlerische Praxis um einen ausgeprägten sozialen Aspekt erweitert, indem sie den Betrachter direkt in den Entstehungsprozess des skulpturalen Werkes miteinbezog. Ihre Experimente gerieten zu therapeutischen Sitzungen mit starkem körperlichen Bezug. Bichos lud den Betrachter dazu ein, die mit Scharnieren verbunden beweglichen Konstruktionsteile zu manipulieren und immerzu neue Anordnungen zu bilden. Die einzelnen Skulpturen aus dieser Serie erinnerten sowohl an Werke der Konstruktivisten, wie auch an eine Art Origami, das sich ständig verändert. Dank ihrer permanenten Transformation entzogen sie sich jeglicher Kontrolle, emanzipierten sich, wurden zu Subjekten und nahmen Eigenschaften eines lebendigen Körpers an. Clark war offensichtlich davon überzeugt, dass Passivität zwischen Menschen und natürlichen Wesen (Tieren) nicht möglich ist. Das bezog sich auch auf ihre eigenen Schöpfungen – die Bichos.

Indem Paweł Książek in seinen Parallels die neoavantgardistischen Bereiche von Clarks künstlerischer Praxis als Phänomen der Instabilität erforschte, verlieh er bestimmten nicht figurativen, skulpturalen Strukturen der Bichos ihre ihnen innewohnende Körperlichkeit. Durch eigene Recherchen im Werk der brasilianischen Künstlerin fasste er ihre Wesen als räumlich-zeitliche Phänomene auf, die rhythmisch sowohl mit dem Kulturbereich (darstellendes Spiel und Tanz), wie auch mit dem Naturbereich (Kometen und Blitze) untrennbar verbunden sind. Damit brachte er Clarks Skulpturen mit unvorhergesehenen Phänomenen zusammen und nahm dabei die Rolle des Betrachters an, der von der brasilianischen Künstlerin zur Manipulation ihrer Objekte aufgefordert wird. Książek versetzte die statischen Skulpturen jedoch in eigentümliche Bewegung und belebte sie – nicht im dreidimensionalen, unendlichen Raum, sondern auf der von Rahmen beschränkten Fläche der Bildleinwand. Dazu nutzte er die avantgardistische Strategie der Montage und verband Gegenstände, Naturphänomene, geometrische abstrakte Formen und Frauenportraits in einer malerischen Synthese zu einer organischen Einheit. Diese Strategie fügt sich nahtlos in Paweł Książeks künstlerische Praxis und lässt ihn so konzeptuelle Probleme der Malerei erkennen. So komplexe Problemstellungen und intellektuelle Narrationen, die dazu dienen, die Eigenschaften eines visuellen Mediums zu erforschen, sind zweifelsfrei eine eigentümliche und einzigartige Erscheinung in der Gegenwartskunst. Im Fall der Parallels spielt der Künstler letztendlich ein simultanes Spiel nicht nur mit der Darstellbarkeit und Abstraktion, sondern er verortet auch die darstellerischen Möglichkeiten der Malerei im erweiterten Feld der Bildhauerei und deutet dabei eine Interaktion der Instabilität konkreter Objekte (Bichos) mit der Stabilität der Malerei und der Endlichkeit eines Bildes an.

Paweł Książeks in Parallels erkennbare Strategie der Verbindung entfernter Phänomene im Verhältnis Objekt-Subjekt beruht jedoch nicht nur auf dem Schaffen Clarks, sondern schöpft eindeutig auch aus der in der Zwischenkriegszeit angewandten Fotomontagetechnik. Auch wenn die brasilianische Künstlerin von der Körperlichkeit der Skulptur überzeugt war, so änderte die von den Dadaisten erfundene Fotomontage die Betrachtungsweise des menschlichen Körpers als feste Einheit ganz wesentlich und bot stattdessen ein aus menschlichen Eigenschaften und fremden Elementen kreiertes Konglomerat. Das Generieren eines eigentümlichen Körpers aus einzelnen Teilen fremder Körper, Gegenstände, Skulpturen, Maschinen oder Elementen aus der Tierwelt kündigte bereits spätere, in den 1980er Jahren von Donna Haraway festgehaltene Erwägungen zur Form des Cyborgs an. Es waren dadaistische Konstruktionen hybrider Körper, die als erste auf das Problem instabiler Identitäten im weiten Verhältnis zwischen Mensch, Tier, Maschine und anderen Sphären hinwiesen. Paweł Książek nahm das neoavantgardistische Schaffen Clarks und die Evolution avantgardistischer Praktiken als Ausgangspunkt und schuf ästhetisierte Hybriden und Gestalten sinnlicher Cyborgs, die die biologisch vorgegebenen Normen überschreiten. Doch die weiblichen Portraits von Filmschauspielerinnen wie Lea Seydoux oder Veronica Lake wirken in Verbindung mit Clarks in den Bereich der Malerei übertragenen skulpturenhaften Konstruktionen durchaus eher ästhetisch, statt sozial-aktivistisch, wie im Fall der Cyborg-Gestalten bei den Dadaisten und bei Donna Haraway.

Im Bereich der eigenen Ästhetik erforscht Paweł Książek somit den Begriff der bildhauerisch-körperlichen Schönheit mithilfe des ihm naheliegenden Mediums der Malerei. Er setzt dabei bewusst grelle Farben ein, die eindeutig an den Modernismus Südamerikas erinnern. Die reichhaltige Farbpalette der Parallels erinnert gleichwohl an die charakteristischen Entwürfe des mexikanischen Architekten Luis Barragan, dessen leuchtende Farbpalette Książek bereits in einer seiner früheren Serien Constructions (Konstruktionen, 2016-2017) nutzte. Dort vermischten sich aus dem deutschen Filmexpressionismus entliehene Utopien mit modernistischen Architekturbauten in Lateinamerika. Angesichts dessen wirken die Parallels wie eine folgerichtige Synthese aus vielen früheren Serien des Künstlers, mit denen er das übergeordnete Problem der Wahrnehmung der Welt, Utopien und das Verhältnis zwischen weit entfernten Phänomenen zu erforschen sucht. Mit seiner jüngsten Serie lenkt er unsere Aufmerksamkeit noch deutlicher auf die Evolution von Praxis und Strategie der Avantgarde und untersucht anhand dessen Probleme der Wahrnehmung von Instabilität, sowohl im unendlichen, wie auch im endlichen, von Bildrahmen  begrenzten Raum.


Dr. Przemysław Strożek
Polnische Akademie der Wissenschaften

Samstag, 17. Februar 2018 (ganztägig) - Samstag, 21. April 2018 (ganztägig)
Lindenstrasse 35 10969 Berlin

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